Twins 5 – Die Vergeltung

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Erster Teil

Die Lücken,
die gerissen wurden,
füllt er mit seiner eigenen Version
der Geschichte.

Kapitel 1

Die Sonne tauchte den Grasteppich in der Mitte der Pflanzrotunde in grelles Licht. Unter dem Dach der dicht stehenden Baumschablonen und zwischen den süßlich duftenden, von Blüten behangenen Sträuchern hingegen wurde die Sonnenstrahlung in gedämpfte Helligkeit gefiltert. Nell rührte sich nicht. Der Schock, als der Schuss krachte, hatte eine solche Adrenalinwelle durch ihren Körper gepumpt, dass es einen Moment dauerte, bis sie überzeugt war, ihre Sinne würden wieder verlässliche Informationen liefern.

Der Mann mit den verschiedenfarbigen Augen war von der Kugel getroffen nach hinten gekippt und vom Rand der Pflanzrotunde gestürzt, sodass er aus Nells Sichtfeld verschwunden war. Sie wagte jedoch nicht, sich zu Julianne umzusehen. Was, wenn er wieder auftauchte? Er hatte immer noch seine Waffe. Nell hielt sich im Schutz eines Busches mit aufdringlich süß riechenden Blüten in rot und gelb und schob sich nur vorsichtig vorwärts. Der Mann lag rücklings etwa einen halben Meter tiefer auf dem perfekt manikürten Grasteppich des Parks. Nur ein wenig Blut war aus dem winzigen Einschussloch direkt zwischen seinen Augen ausgetreten. Seine verschiedenfarbigen Augen waren leer in den Himmel gerichtet.

Nell wich wieder zurück. Oben an der Straße außerhalb des Parks stieg mittlerweile dichter Rauch auf. Das Stakkato der Schusswaffen ließ nach.

»Ist er tot?«

Erst als Nell die dünne Stimme ihrer Schwester hinter sich wahrnahm, drehte sie sich um. Julianne hielt immer noch die kleine, aber tödliche IgMan-Mini in der Hand, die jedoch unkontrolliert in ihrem Griff zitterte. Der Anblick ließ Nell schaudern und die Erinnerung an den Augenblick vor etwa vier Monaten wach werden, als Julianne in der Pflanzrotunde in Monacum schon einmal mit der Waffe in der Hand vor ihr gestanden hatte.

»Ist er tot?« Juliannes angstvoll geweitete Augen holten Nell endgültig in die Realität zurück. Was in der Vergangenheit geschehen war, hatte jetzt in diesem konkreten Augenblick keine Bedeutung. Sie beide wurden verfolgt. Von zwei Seiten. Irgendwie ließ das den Abgrund zwischen ihnen weniger unüberwindlich erscheinen.

»Ja, er ist tot«, bestätigte Nell. Wie automatisch wandten sich ihre Gedanken anderen Fragen zu, beeilten sich wie eine gut geschulte Armee, die richtige Entscheidung zu treffen. Sie mussten hier weg. Zwar schien das Gefecht zwischen Rebellen und systemtreuen Sicherheitskräften auf der Straße nachzulassen, aber immer wieder erschütterten Explosionen – wahrscheinlich von getroffenen E-Mobilen – den Park.

Doch die Information schien nicht bei Julianne anzukommen. In unveränderter Haltung kniete sie im Nährboden zwischen den Pflanzen. Im Gegenlicht konnte Nell ihr Gesicht nicht richtig erkennen, aber ihre Haltung war so angespannt, dass ihre Angst für Nell offensichtlich war.

»Er hätte dich umgebracht!«, stieß Julianne hervor. »Ich musste ihn erschießen, sonst hätte er dich getötet.«

Sonst hätte er mich getötet, hallte der Gedanke in Nell nach, so wie du mich beinah getötet hättest. Einen kurzen Moment lang war es, als könne sie sich selbst am Fuß der Rotunde liegen sehen – getroffen von der Kugel ihrer Schwester.

Diesmal hatte Julianne zwar geschossen, um Nell zu retten. Trotzdem ließ einen das Gefühl, einem anderen Menschen das Leben genommen zu haben, mit einer grauenhaften Schuld zurück. Julianne würde sie von jetzt an in ihrem Herzen spüren – das war Nell klar.

Vorsichtig ging sie vor ihrer Schwester in die Knie. Sie war sich keineswegs sicher, dass der Mann wirklich auf sie geschossen hätte. Er wusste schließlich, dass Aidan sie lebend brauchte. Er hatte für ihre Festnahme Verstärkung angefordert. Wahrscheinlich um keine Gewalt anwenden zu müssen. Doch das war jetzt egal. Für Julianne hatte es so ausgesehen, als würde der Mann Nell töten. Und sie hatte Nell verteidigt, ihr aus ihrer Sicht das Leben gerettet. Bisher war es immer Nell gewesen, die trotz allem versucht hatte, ihre Schwester zu schützen. Jetzt war es andersherum.

»Ja«, bestätigte sie also. »Du hattest keine Wahl.«

Julianne bewegte sich ruckartig. Sie ließ den ausgestreckten Arm sinken und die IgMan-Mini fallen, als wolle sie nicht mehr damit in Verbindung gebracht werden. Dann sah sie Nell in die Augen. »Wenn wir glauben, keine Wahl zu haben«, flüsterte sie, »sind wir meistens dabei, einen Fehler zu machen. Glaub mir, damit kenne ich mich aus.« Ihre Stimme bebte. »War es falsch zu schießen?«

Überrascht erwiderte Nell ihren Blick. Julianne war einen extremen Schritt gegangen, um sie zu retten. Damit hatte Nell nicht gerechnet. Sie verstand das Entsetzen, das auf Julianne einstürmen musste, jetzt da ihr richtig klar wurde, was sie getan hatte. Gleichzeitig fühlte sie Ungeduld in sich heraufdrängen. Sie hatten eine Chance zu entkommen. Allerdings war es nur ein kurzes Zeitfenster. Jeden Augenblick konnte jemandem die Leiche an der Pflanzrotunde auffallen. Vielleicht hatte Ilio den Hilferuf des Mannes sogar doch noch vernommen, auch wenn er ihm nicht sofort geantwortet hatte. Vielleicht suchte er bereits nach ihm.

Das betäubende Stakkato des Kugelhagels, mit dem sich Rebellen und Systemtreue auf der Straße hinter dem Park bekämpften, flammte mit neuer Heftigkeit auf. Hin und wieder wurden dazwischen panische Rufe laut. Die Geräusche des Gefechts drangen wieder deutlicher auf Nell ein, schoben die drängende Unruhe, die sie zur Flucht treiben wollte, in ihrer Wahrnehmung nach vorn. Julianne hingegen ließ den Kopf hängen und schien nichts von den Kämpfen um sie herum mitzubekommen.

Nell ergriff ihre Hände. »Du hast mir das Leben gerettet«, redete sie eindringlich auf ihre Schwester ein. »Er hat uns bedroht. Du hast in Notwehr gehandelt und jetzt haben wir eine Chance zu entkommen. Die dürfen wir nicht verspielen.« Zwischen den dichten Blättern der Pflanzen versuchte sie, den Himmel zu erkennen. Kreisten noch immer die Drohnen über ihren Köpfen?

Auf das verzweifelte Schluchzen, das sich Juliannes Brustkorb entrang, war Nell nicht vorbereitet gewesen. Warum konnte sie den Widerhall so deutlich in ihrem eigenen Körper spüren? Als Kind hatte sie Juliannes Gefühle hartnäckig ausgeblendet, um sie nicht ebenfalls fühlen zu müssen. Jetzt war sie umso erstaunter, wie deutlich sie Juliannes Kummer und Panik spürte. Als sie sich ihrer Schwester zuwandte, hatte Julianne den Kopf in den Händen vergraben. Ehe Nell wirklich wusste, was sie tat, schlang sie ihre Arme um Juliannes Körper und presste sie an sich. Sie spürte die Verzweiflung ihrer Schwester in ihrem eigenen zusammengekrampften Brustkorb, hielt sie einfach fest, ließ das Geschützfeuer um sich herum prasseln, ohne sich Gedanken darum zu machen – selbst als Julianne langsam ruhiger und ihr Atem wieder gleichmäßiger wurde. Das Gefühl, das sich langsam in ihr ausbreitete, war vertraut wie eine entfernte Erinnerung – eine sehr entfernte Erinnerung, sodass es sich gleichzeitig neu anfühlte. Während Julianne sich in ihren Armen entspannte, wurde Nell bewusst, wie richtig es sich anfühlte, sie so zu halten. Sie gehörten zusammen, als wären sie nie getrennt gewesen, als wären sie ein Ganzes. Eine Vorstellung, die Nell früher immer von sich geschoben hatte – vor allem wohl, um sie beide zu schützen, wie ihr nun klar wurde – die sich nun aber doch zu bestätigen schien. Das hier löste etwas in ihr aus, womit sie nicht gerechnet hatte. Wut, unbändige Enttäuschung, bittere Verachtung – all das wären vermutlich die richtigen Gefühle gegenüber Julianne nach allem, was sie getan hatte. Stattdessen fühlte es sich für Nell an, als sei sie gerade nach Hause gekommen.

Auch Juliannes Atem hatte sich beruhigt, hatte sich ganz natürlich Nells Rhythmus angepasst. Nell wurde bewusst, wie fest Julianne sich an sie klammerte, wie schwer ihr Kopf an ihrer Schulter lag, wie sie in ihre Halsbeuge atmete und die Atemzüge dabei langsam wieder regelmäßiger wurden. Wie früher, als wir klein waren und sie Angst hatte, wurde Nell bewusst. Wie früher – zu Hause.

Schließlich war es Julianne, die sich von ihr löste. »Ich weiß gar nichts mehr«, brachte sie mit tränenerstickter Stimme hervor und rieb sich mit beiden Händen über die Augen.

»Ich auch nicht.« Nell fühlte sich benommen. Es war nur eine Umarmung gewesen, musste sie sich erinnern. Sie konnte nicht alles ungeschehen machen. Trotzdem schien der Abgrund zumindest einen Moment lang nicht existiert zu haben. Die Erinnerungen hatten eine ganz andere Welt um sie entstehen lassen. Erst als sie sich jetzt des Geschützfeuers wieder bewusst wurde, erkannte sie, wie wenig sich in Wirklichkeit geändert hatte. Sie brauchten noch immer dringend einen Plan. Irgendwie musste sie Julianne ins Hier und Jetzt zurückholen, damit sie wieder funktionierte und sie fliehen konnten. Sie strich ihr über den Arm, während Julianne ihr fast verwundert in die Augen sah.

»Aber wir geben nicht einfach auf«, erklärte Nell bestimmt. »Du hast mir das Leben gerettet und jetzt müssen wir dafür sorgen, dass ich es behalte.« Sie drückte ihre Hand. »Und du auch.«

Julianne reagierte nicht, blieb mit gesenktem Kopf auf den Knien liegen. Nells praktisches Denken gewann nun jedoch endgültig die Oberhand.

»Und deshalb müssen wir von hier verschwinden, solange da draußen niemand auf uns achtet.«

»Du meinst, weil sie sich praktischerweise gerade gegenseitig umbringen?«, entgegnete Julianne bitter. Ihre Stimme klang dünn durch ihre vom Weinen geschwollenen Stimmbänder.

»Ganz genau«, bestätigte Nell. Nachdem sie Julianne kurz gemustert hatte und zu dem Schluss gekommen war, dass sie keine sichtbaren körperlichen Schäden davon getragen hatte, war sie jetzt dabei, sich selbst auf mögliche Verletzungen zu untersuchen, die das Adrenalin in ihrem Blut bisher vor ihr verborgen haben könnte. Irgendwo unter ihrem Haaransatz sickerte Blut hervor und rann ihr in den Nacken. Als sie den Kopf bewegte, konnte sie jedoch keine wesentliche Beeinträchtigung feststellen.

»Bist du in Ordnung?«, fragte sie ihre Schwester sicherheitshalber noch einmal.

Langsam schüttelte Julianne den Kopf. »Nein, ich bin nicht in Ordnung«, betonte sie mit noch immer bebender Stimme. »Meine eigenen Leute wollen mich umbringen und jagen mich mit Drohnen. Und die einzige, die mir helfen kann, ist meine Schwester, die ich verraten und verkauft und fast umgebracht habe.«

Die Kampfgeräusche auf der Straße entfernten sich nun von ihnen. Irgendjemand musste die Oberhand erlangt haben. Wenn eine der Gruppen die Flucht ergriff und die andere die Verfolgung aufnahm, war das auch für Nell und Julianne die beste Gelegenheit. Schüsse wurden zunehmend vom Summen hochziehender Elektromotoren ersetzt. Für Juliannes Reue war jedenfalls keine Zeit. Doch Nell ahnte, dass sie ihr das nur behutsam vermitteln durfte. Julianne kam ihr wie jemand vor, der beständig auf einer Klippe balancierte – immer unter Stress und Druck stehend. Das schien sich auch während der Zeit ihrer Trennung nicht geändert zu haben. Im Gegenteil.

»Im Augenblick ist das alles nicht wichtig«, versicherte Nell ihr möglichst sanft. »Gerade zählt für mich nur, dass wir beide überlebt haben, dass wir uns hier getroffen und sie keinen von uns geschnappt haben.« Sie hielt Julianne die Hand hin. »Und ich will, dass es so bleibt«, ergänzte sie leiser und atmete auf, als ihre Schwester sich nach einem kurzen Moment des Zögerns von ihr auf die Füße ziehen ließ. Sobald sie jedoch ihr qualvolles Keuchen hörte, wurde ihr bewusst, dass Julianne doch verletzt sein musste. Ihren linken Fuß konnte sie anscheinend kaum belasten.

»Halt dich an mir fest«, befahl sie. »Wir suchen jetzt ein E-Mobil. Dann sehen wir uns die Verletzung genauer an.«

»Meine Tasche«, bremste Julianne, als Nell sich ihren Arm um den Hals legen wollte. Sie deutete nach unten, wo tatsächlich ein Beutel aus demselben dunkelblau glänzenden Material lag, aus dem auch die Systemgarderoben hergestellt waren. Ein provisorischer Riemen war daran befestigt. »Die nehme ich«, entschied Nell und schlang ihn sich ums Handgelenk. Die IgMan-Mini überließ sie ihrer Schwester, die ohnehin mehr Erfahrung im Abfeuern der winzigen Waffe hatte.

Dann zog Nell sie mit sich an den von der Straße abgewandten Rand der Pflanzrotunde. Die Parkanlage mit dem kreisrunden Teich, den riesigen schwimmenden Blüten, drei weiteren Meditationsplätzen und dem makellosen hellgrünen Grasteppich lag vollkommen ausgestorben vor ihnen. Nell prüfte den Himmel, konnte aber keine der drei Drohnen entdecken, die sie zuvor verfolgt hatten. Vermutlich versuchten sie bereits, andernorts in der Stadt ihr Target wiederzufinden oder waren direkt in die Kampfhandlungen einbezogen worden.

Vereinzelte Schüsse klangen noch immer von der Kreuzung hinter ihnen herüber, als Nell Julianne mit sich über die Grasfläche zog. Obwohl Julianne nur auf einem Bein hüpfen und ihren verletzten Fuß kaum belasten konnte, durchquerten sie den Park in zügigem Tempo. Nell wusste, wie sie ihre Schwester stützen musste, um schnell voranzukommen, und konzentrierte sich ganz aufs Laufen. Im Jäger-Lager waren Fälle von verstauchten Knöcheln keine Seltenheit gewesen. Sie mussten dringend eine E-Mobil-Station finden. Und da alle System-Städte nach einem ähnlichen Muster aufgebaut waren, hatte sie eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wo sie suchen musste.

Lutetia tippte Nell als Zielort in den Bordcomputer des E-Mobils ein. Weder sie noch Julianne wussten wirklich, wohin sie sich wenden sollten. Doch die Umstände hatten Nell eine Idee eingegeben, die ihr zwar etwas weit hergeholt erschien, aber immerhin einen Ortsnamen beinhaltete, den sie dem E-Mobil als Richtung vorgeben konnte.

Sie drehte ihren Fahrersitz herum und musterte besorgt ihre Schwester. Julianne saß mit blassem Gesicht auf der Rückbank und hatte ihren verletzten Fuß auf dem herumgedrehten Beifahrersitz abgelegt. Ihre Tasche wieder fest an sich gepresst, starrte sie stumm vor sich hin. Nell beugte sich vor, schob den fließenden Stoff der dunkelblauen Hose ein Stück ihr Bein hinauf, um sich noch einmal ihren Knöchel anzusehen. Das Fußgelenk war stark geschwollen und in allen Schattierungen von schwarz bis violett verfärbt. Da das Gelenk allerdings relativ wenig Bewegungsspielraum zeigte und sich nicht instabil anfühlte, vermutete Nell, dass es sich um eine Bänderzerrung handelte. Um die zu behandeln und Julianne möglichst umgehend wieder auf die Füße zu bringen, brauchte sie Medikamente und eine Schiene.

Fieberhaft hatte Nell überlegt, wie es ihr gelingen sollte, in ein MedZentrum einzubrechen, als ihr eine Erinnerung gekommen war. Lutetia, die Lounge, in der sie damals mit Luk die Lage erkundet hatte – es war fast ein Jahr her. Dennoch hatte sie den Typ C-Jungen mit dem rundlichen Gesicht noch deutlich vor Augen. Er war ihr damals aufgefallen, weil er verkündet hatte, eigentlich selbst im MGA arbeiten zu wollen. Stattdessen habe er Pfleger in einem MedZentrum werden müssen. Damals war es Nell noch seltsam erschienen, dass er so etwas wie eigene Wünsche hatte, die sich von dem unterschieden, was das System für ihn vorgesehen hatte. Heute dachte sie, dass er vermutlich einer von vielen mit eigenen Vorstellungen war – wenn auch nur einer von wenigen, die es zugaben. Nur zu deutlich stand ihr vor Augen, wie fasziniert er von ihr gewesen war. Falls er noch im MedZentrum von Lutetia arbeitete und sie es schaffte, ihn aufzuspüren, konnte sie ihn vielleicht dazu bringen, ihnen zu helfen.

»Bist du dir sicher, dass wir nicht verfolgt werden?«, fragte Julianne, als Nell ihr Hosenbein wieder herabzog.

Nell warf einen weiteren prüfenden Blick durch die Heckscheibe des E-Mobils. Seit ihrer Abfahrt hatte sie immer wieder wachsam nach draußen gespäht. Mittlerweile waren verhältnismäßig wenige andere Fahrzeuge unterwegs und es war nichts Auffälliges zu sehen – weder S-Mobile noch Wagen mit überhöhter Geschwindigkeit. Auch Drohnen konnte sie nicht am Himmel ausmachen. Makellos spannte er sich über die Hochstraße, die gerade ein bergiges, unbesiedeltes Gebiet durchschnitt. Als letzter Wagen in einer kurzen Kette von vier Fahrzeugen fühlte Nell sich relativ sicher. Die Wahrscheinlichkeit, überprüft zu werden, war auf diese Weise geringer, als wenn sie als einzelnes Fahrzeug unterwegs waren.

»Hast du eigentlich auch irgendwas zu essen in deiner Tasche?«, erkundigte sie sich. Nun, da sie etwas zur Ruhe kam, wurde ihr bewusst, wie lange sie schon nichts mehr gegessen hatte. Julianne kramte daraufhin einige Energieriegel aus ihrem Beutel hervor, die sie sich teilten.

»Vielleicht könnten wir einfach abspringen und uns verstecken, bis dieser Krieg vorbei ist«, überlegte Julianne laut, während sie nachdenklich ihren Blick aus dem Fenster richtete. Draußen schmolzen die Baumwipfel zu einem Strom dunkelgrüner Farben zusammen. Mittlerweile war es Nachmittag geworden. Zwischen den Kuppen zweier Erhebungen sah Nell die Sonne tiefer sinken. Als sie erneut in den Himmel blinzelte, sah sie, dass er in einen violetteren Blauton überzugehen begann.

»Jake und ich waren im Grenzland«, hörte sie Julianne schließlich sagen. »Wir haben uns für ein paar Tage versteckt.«

Nell spürte den suchenden Blick ihrer Schwester auf ihrem Gesicht. Dass sie beim Klang seines Namens innerlich zusammengezuckt war, verbarg sie hinter der gleichmütigen Miene, die sie so ohne jede Mühe zustande brachte. Seit diesem Morgen hatte sie nicht mehr an Jake gedacht, hatte sich nicht mehr vorgestellt, wie er von einer Druckwelle weggeschleudert wurde, in giftigen Gasen erstickt oder in eine Erdspalte gestürzt war. Emotional verkrüppelt, schoss es ihr durch den Kopf. Selbst wenn ich mich anstrenge, schaffe ich es nicht, mich um mehr als einen zu sorgen. Und seit dem Mittag war das Julianne gewesen.

»Aber das hat er dir sicher erzählt«, ergänzte Julianne, schien darauf zu lauern, dass Nell ihren Blick erwiderte.

Langsam drehte Nell den Kopf und sah ihr geradewegs in die Augen. »Ich kann mich nicht erinnern.«

Julianne blinzelte und hob schließlich die Schultern. »Du hast doch auch gelernt, in der Wildnis zu überleben, oder?«

»Dieses Gebiet ist zu klein. Hier können wir uns nicht verstecken. Außerdem musste ich nie allein in der Wildnis zurechtkommen«, entgegnete Nell. »Ich habe in einer Familie gelebt, in der andere dafür gesorgt haben, dass wir es warm hatten und genug zu essen auf den Tisch kam.«

»Jake zum Beispiel«, vermutete Julianne düster. »Wo ist er denn jetzt? Kann er uns nicht irgendwo verstecken? Ich hatte den Eindruck, er wäre bereit, alles zu tun, um dir zu helfen.«

Und wenn er derjenige ist, der Hilfe braucht? Etwas ballte sich eiskalt in ihr zusammen. Sie würden in Lutetia versuchen, Hilfe für Juliannes Fuß zu bekommen, aber dann musste sie so schnell es ging zum Getto gelangen, um nach Jake zu suchen. Die Angst begann einen schmerzhaften Rhythmus in ihrem Brustkorb zu pochen.

»Jake ist im Getto«, hörte Nell ihre eigene Stimme – distanziert und vollkommen gelassen. »Und du weißt ja, dass der Vulkan ausgebrochen ist.«

Sie wünschte, sie könnte nur annähernd die Betroffenheit zum Ausdruck bringen, die sich schlagartig in Juliannes Gesicht zeigte.

»Du meinst, er ist tot?«, stieß sie erstickt hervor. In Nell machten augenblicklich sämtliche Schotten dicht, ließen ihr Inneres unerreichbar werden für Juliannes Entsetzen.

»Solange mir das Gegenteil nicht bewiesen wurde, glaube ich das nicht«, erklärte sie jedoch fest.

Julianne starrte sie an, sagte jedoch nichts dazu. Dennoch spürte Nell, wie der Schock ihres Wiedersehens nachließ und die Dinge freilegte, die von den Ereignissen der letzten Stunde zunächst wie unter einer Staubschicht verborgen gelegen hatten – einer dünnen Staubschicht. Solange sie unausgesprochen waren, würden sie die Atmosphäre zwischen ihnen vergiften.

»Eine Familie«, wiederholte Julianne schließlich nachdenklich. »Wolltest du zurück ins Getto, weil du dort eine Familie hattest?«

»Zumindest habe ich mir etwas in der Art vorgestellt.« Nell wandte nun selbst den Blick ab, ließ ihn durch die Heckscheibe in die Ferne der schnurgeraden Hochstraße gleiten. Noch immer waren sie fast ganz allein unterwegs.

»Deine Familie hier hat dir doch nie etwas bedeutet.«

Nell war überrascht über den bitteren Ton in Juliannes Stimme und sah sie wieder an. »Da das System niemandem von uns je erlaubt hat, eine Familie zu haben, musste ich erst begreifen, was das überhaupt ist. Außerdem frage ich mich, wie viel eine Familie wert ist, in der die eigene Schwester einen verrät.«

Julianne zuckte sichtlich zusammen. Endlich war der Vorwurf ausgesprochen. Einen Moment lang starrten sie einander wortlos in die Augen. »Du musst mich hassen«, flüsterte Julianne endlich, ohne den Blick abzuwenden. »Du müsstest mich hassen und stattdessen hast du mich gewarnt. Warum?«

Fast wurde Nell schwindelig, weil sie ungewohnter Weise keine Antwort auf diese Frage wusste. Irgendwo in der Tatsache, dass sie ihre Zwillingsschwester nicht hatte sterben sehen wollen, löste sich jedes rationale Argument auf. Selbst nach dem Verrat hatte Nell die Vorstellung nicht ertragen, dass Julianne getötet wurde – von einem Unrechtsstaat, der sie in gewisser Weise beide zu Opfern gemacht hatte. Ob das Instinkt war? »Du bist immer noch meine Schwester«, erwiderte sie schließlich vage.

»Es hat mich nicht davon abgehalten, dich zu verraten und auf dich zu schießen«, wandte Julianne ein.

Nell hob die Augenbrauen. »Hättest du mich nicht treffen können, wenn du gewollt hättest?«

Langsam nickte Julianne. »Ich denke schon.«

»Was auch immer dich davon abgehalten hat, mich in dieser Nacht zu töten«, erwiderte Nell, »hält mich davon ab, dich zu hassen.« Oder es ist das System, flüsterte etwas gehässig in ihrem Kopf, das dir die Fähigkeit zu hassen genommen hat.

Etwas schimmerte wie Wellen in Juliannes geweiteten Augen. Nell versuchte zu verstehen, was genau es war. Sie erkannte den dunklen Schleier von Schmerz und einen Glanz, der sich über ihre Augen legte, als sich ihr Blick ganz nach innen zu richten schien. Hatte jemals so viel Ausdruck in ihren eigenen Augen gelegen? Sie dachte an die dunkelblaue Wärme in Aidans Blicken, die sie früher so tröstlich gefunden hatte. Und sie dachte an das Blitzen der goldfarbenen Sprenkel in Jakes Augen, das jedes Mal ein so elektrisierend schönes Gefühl durch ihren Körper jagte. Sie könnte es nicht ertragen, das nicht noch einmal zu spüren. Sie könnte es nicht ertragen, ihn nicht mehr fragen zu können, was er wirklich in ihr sah.

»Nell«, flüsterte Julianne und riss sie mit den Tränen aus ihren Gedanken, die ihr plötzlich über die Wangen rollten und die Nell nicht weinen konnte, »ich wollte dich nicht verraten. Ich habe mich gehasst von dem Moment an, in dem sie dich aus dem Gerichtssaal brachten. Und dann …« Sie wischte die Tränen weg und bemühte sich, trotz ihrer rot geränderten Augen weiterzusprechen. »Und dann habe ich versucht, ein anständiger Systembürger zu sein, alles richtig zu machen – so wie du es getan hättest -, damit es wenigstens nicht umsonst war. Aber ich konnte es nie. Ich habe nie funktioniert, habe nur versucht, es mir einzureden.«

»Ich weiß.« Nell zwang sich, Julianne ausreden zu lassen, obwohl sie auf einmal keine Erklärungen mehr hören wollte. Was Julianne getan hatte, konnte nicht wieder gut gemacht werden. Sie beide mussten es akzeptieren – als Teil ihrer Vergangenheit.

»Du hättest funktioniert.« Julianne sah sie an, blinzelte, als versuche sie angestrengt, weitere Tränen zurückzuhalten.

Langsam nickte Nell. Ja, mit Sicherheit hätte sie einfach funktioniert. Vielleicht hätte sie nicht vergessen, dass sie einmal eine Schwester gehabt hatte, aber es wäre mit der Zeit verblasst – ebenso wie ihre Erinnerung an ihre Mutter. Sie hätte das System niemals hinterfragt. Sie glaubte nicht einmal, dass sie darunter gelitten hätte. Und wenn doch, hätte sie es verdrängt.

»Ich habe immer alles falsch gemacht«, fuhr Julianne fort. »Und Jake …« Sie holte tief Luft. Als sie weitersprach, hörte sich ihre Stimme immer gepresster an. »Er hat mich an Ben erinnert. Und er schien mich von Anfang an auf eine Weise zu verstehen wie niemand zuvor. Es hat sich angefühlt, als hätte er mich endlich wieder zu einem vollständigen Menschen gemacht, nachdem ich mich so lange nur wie die wertlose Hälfte gefühlt habe, die man von dir abgetrennt und weggeworfen hat.«

Nell wollte es nicht hören müssen. Wollte nichts wissen über die Zeit, die Jake und Julianne gemeinsam verbracht hatten. Trotzdem zwang sie sich, ihrer Schwester zuzuhören.

»Und als ich herausfand, dass er in Wirklichkeit zu dir gehörte, habe ich dich so gehasst.« Juliannes Kopf sank nach vorn. Eine einzelne Träne fiel auf ihr Bein. »Ich konnte dich hassen«, flüsterte sie, »weil ich dachte, er sei deine Rache und du hättest ihn auf mich angesetzt.«

»Das habe ich nicht«, beteuerte Nell. »Ich habe selbst gedacht, er hätte mich verraten, weil er die Chance, mir meinen Platz als Ministerin zu sichern, verstreichen ließ und stattdessen zugelassen hat, dass ihr mich abschiebt.«

Julianne sah zu ihr auf. »Er wollte dich in Sicherheit bringen«, entgegnete sie leise.

Nell presste die Lippen zusammen, während sie sich fragte, warum es für Julianne so offensichtlich war, nickte aber schließlich.

Julianne runzelte die Stirn. »Diese Zuneigung, die ich die ganze Zeit empfunden habe, diese Wärme und Nähe, die von ihm ausgingen – sie galten die ganze Zeit dir.« Sie löste den Blick von ihr und richtete ihn stattdessen wieder aus dem Fenster. »Das habe ich nur leider zu spät verstanden. Und du weißt das nicht einmal zu schätzen.«

Juliannes Worte ließen die Kälte, die sich in Nell zusammengeballt hatte, in jeden Winkel ihres Körpers sickern.

»Ich wusste die ganze Zeit, dass ich kein Recht hatte, dich zu hassen«, fuhr Julianne mit einem Zittern in der Stimme fort. »Ich wusste, ich bin die Einzige, die ich für all das hassen musste.« Sie drehte sich so schlagartig wieder zu ihr um, dass Nell überrascht aufsah. »Aber weißt du, wie unerträglich es ist, eine Schwester zu haben, die immer alles besser macht, der nie Fehler passieren, weil sie sich einfach immer korrekt verhält?«

Stumm schüttelte Nell den Kopf.

Ungläubige Falten durchzogen Juliannes Stirn. »Das war eine rhetorische Frage, Nell.«

Nell seufzte und zog ihre Füße an, schlang ihre Arme um die Knie. Warum war sie diejenige, die sich jetzt so unzulänglich fühlte? Ihre Gedanken waren bei Jake hängengeblieben. Und irgendetwas in ihr wollte Julianne sagen, dass sie mehr für Jake empfand, als vielleicht sogar er selbst ahnte. Nur fand sie keine Worte dafür. Sollte sie die Dinge nachsprechen und die Blicke imitieren, die sie bei anderen beobachtet hatte? Oder hieße das nur, eine Rolle zu spielen, die sie doch nie ganz ausfüllen konnte, und daran zu zerbrechen – so wie Julianne?

Aber könnte ihr das überhaupt passieren? Gerade im direkten Vergleich mit Julianne und ihrer Verzweiflung fühlte sie sich innerlich beinahe taub. Sie brauchte endlich Gewissheit. »Die Obersten Experten haben unser Blut untersuchen lassen«, wechselte sie das Thema. »Hast du dir das Ergebnis angesehen?«

Mit der Art wie Juliannes Kopf zurückzuckte, wie ihr Blick sich senkte, hatte sie Nell die Antwort bereits gegeben. Obwohl es erst so aussah, als wolle sie abwehren, nickte sie schließlich. »Ich wollte es nicht, aber dann habe ich es doch nicht mehr ausgehalten.«

»Was war das Ergebnis?« Selbst in Nells eigenen Ohren klang ihre Stimme tonlos.

Hilflos schloss Julianne für einen Augenblick die Augen. »Mein Blut war unauffällig. In deiner DNA wurden diese Snips gefunden, die sie eingebaut haben, um deine Empathiefähigkeit und Emotionalität herabzusetzen.«

Obwohl Nell nichts anderes erwartet hatte, traf die Gewissheit sie wie ein Schlag. Sie umfasste ihre Knie noch fester, spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte und dachte unwillkürlich an Jake – an das Funkeln in seinen Augen, wenn er sie ansah. Aber sah er sie oder das, was sie aus ihr gemacht hatten?

Unser ganzer Körper erinnert sich, hatte Althea gesagt. Und deshalb sind wir nicht ein ganz anderer Mensch, nur weil sie an einem Rädchen drehen. Wir entscheiden alle selbst, wer wir sind.

Unser ganzer Körper erinnert sich. Unser ganzer Körper fühlt. Aber vielleicht empfinde ich nur Schatten von dem, was andere fühlen.

Überrascht sah Nell auf, als sie plötzlich eine Hand an ihrem Arm fühlte. Julianne – den verletzten Fuß noch immer auf dem Vordersitz abgelegt – hatte sich dichter zu ihr herübergesetzt. »Glaub mir, ich wünschte, sie hätten mich verändert.« Ihre hellen Augen hatten sich geweitet. »Es wäre eine Erklärung dafür gewesen, warum ich zu all dem fähig war.«

Der gleiche Gedanke war Nell auch schon gekommen. Jetzt allerdings fragte sie sich, ob er richtig war. Wir entscheiden alle selbst. Es bedeutete auch, dass man Verantwortung für seine Fehler übernehmen musste.

Juliannes Hand schloss sich um ihre. »Du hast nicht nur deshalb die guten Bewertungen bei unserer Kategorisierung bekommen. Das weißt du, oder? Höchstens im Bereich Emotionale Kompetenz. Aber der Haupteffekt der Snips besteht darin, dass du deutlich besser auf ZIP-Präparate ansprichst.«

Ungläubig zog Nell die Augenbrauen zusammen. »Nichts davon hat noch irgendeine Bedeutung für mich. Interessieren dich etwa noch die Bewertungen, die wir vor fast drei Jahren erhalten haben?«

Fast erschrocken zog Julianne ihre Hand zurück. »Ich erinnere mich noch an die Ergebnisse jedes einzelnen Tests. Ich konnte nie vergessen, in wie vielen Kategorien du besser bewertet wurdest als ich.«

Fassungslos schüttelte Nell den Kopf. »Aber warum?«

»Weil ich nichts vergessen kann.« Juliannes unerwartet heftige Antwort fuhr wie ein Messerstich zwischen sie. »Weil ich jeden Tag in diesem System versucht habe, einen Platz auszufüllen, für den ich nie gut genug war.«

»Das ist Unsinn«, entgegnete Nell scharf. »Und das muss dir doch auch klar sein. Sonst hätte der Oberste Experte uns niemals wählen lassen, wer von uns beiden im System bleibt.«

»Auch wenn ich das weiß«, bemerkte Julianne spitz, »fühle ich etwas anderes.« Sie atmete bewusst kontrolliert aus und ergänzte in sanfterem Ton. »Ich weiß, das verstehst du nicht.«

»Doch, das verstehe ich«, widersprach Nell barsch. »Wenn ich nichts fühlen würde, hätte ich meinen Platz eingenommen, als ich die Chance dazu hatte. Das wäre nämlich rational gewesen. Ins Getto zu gehen, war eine emotionale Entscheidung.«

Juliannes Augenbrauen schnellten in die Höhe. »Und warum bist du dann zurückgekommen, statt dich an die Abmachung zu halten?«

Nell stieß ein Schnauben aus. »Ich bin nicht freiwillig zurückgekommen«, entgegnete sie.

Julianne verschränkte die Arme vor der Brust. »Wer hat dich denn gezwungen?«

»Da ihr es nicht wart, bleiben nur die Rebellen, oder?«, gab Nell zurück. »Außerdem habe ich dir eine Warnung geschickt, sobald ich die Gelegenheit hatte. Und wie du, bin ich mittlerweile selbst auf der Flucht. Auch das war eine emotionale Entscheidung.«

Julianne senkte den Blick. »Natürlich. Du hast wieder alles richtig gemacht.«

»Hätte ich alles richtig gemacht, würde jetzt kein Bürgerkrieg herrschen«, entgegnete Nell scharf.

»Wieso? War es denn nicht das, was du wolltest?« Offenbar ehrlich überrascht sah Julianne wieder auf.

»Ich glaube nicht, dass das System gut für die Menschen ist«, erwiderte Nell, wobei sie nun ebenfalls die Beine ausstreckte und auf der Rückbank ablegte. »Aber dass sich die Menschen gegenseitig umbringen, habe ich nie gewollt.«

»Das tun Menschen aber, wenn es kein starkes System gibt, das sie daran hindert«, bemerkte Julianne.

Einen Moment lang musterte Nell sie nachdenklich. Ähnlich hatte bereits der Oberste Experte Hank Weilder bei ihrem Treffen im Frühjahr argumentiert.

»Wie sehr hast du darunter gelitten, Julianne?«, fragte sie schließlich. »Glaubst du, dass Misstrauen in die Menschen rechtfertigt, ihre Gehirne zu manipulieren, ihren Tod in Kauf zu nehmen, ihre Persönlichkeiten zu löschen, ihnen jedes Gefühl und jeden freien Gedanken zu rauben? Bist du bereit, das zu ertragen, wenn du weißt, dass es Alternativen gibt?«

Die schnelle Antwort, die Julianne anscheinend hervorbringen wollte, blieb ihr im Hals stecken. Sie schluckte sichtbar. »Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.«

Nell nagelte sie bewusst mit ihrem Blick fest, obwohl sie sah, wie ihre Schwester sich unruhig zu winden begann. »Früher hättest du es gewusst«, meinte sie. »Du wolltest das System ändern. Dafür hast du die Datenbanken manipuliert. Du wolltest mit mir zusammenbleiben. Du hast an Alternativen geglaubt, bevor ich es getan habe.«

Für einen winzigen Moment hoben sich überraschend Juliannes Mundwinkel. »Du meinst, ich bin die eigentliche Rebellin?«

Spontan erwiderte Nell ihr Lächeln. »Vielleicht bist du das.«

Doch Juliannes Miene verfinsterte sich schlagartig wieder. »Um ein Rebell zu sein, bin ich viel zu feige.«

Nell seufzte, als ihr die Welle von Juliannes selbstzerstörerischer Verzweiflung erneut entgegenschwappte. »Wovor genau hast du jetzt noch Angst?«, wollte sie wissen. Doch Julianne antwortete nicht. Der Ausdruck ihrer Augen verbarg sich unter ihren langen dunklen Wimpern.

»Du warst immer schon die Mutige von uns beiden«, murmelte sie kaum hörbar, ohne aufzusehen. »Und Sheila wusste das auch. Du bist wie Lilianne – eine Rebellin. Ich bin wie unsere Mutter. Wir haben uns aus Angst vor den Konsequenzen nie den Regeln widersetzt.«

Ungeduldig schüttelte Nell den Kopf. Sie wusste, dass Julianne unrecht hatte – in mehrfacher Hinsicht. Sie selbst war nicht wie ihre Großmutter. Und Julianne war nicht wie ihre Mutter. Das durfte sie sich nicht einreden. Wir entscheiden alle selbst, wer wir sind. Dass es leicht war, hatte Althea nie behauptet.

»Ich bin nicht wie Lilianne«, widersprach Nell. »Wäre ich nicht im Getto gelandet, hätte ich mich dem System wahrscheinlich niemals widersetzt. Ich musste es erst von außen sehen, um zu erkennen, was sich hinter den Fassaden verbirgt. Lilianne hingegen hat von sich aus verstanden, dass sie im System nicht leben will und dass viele andere es auch nicht wollen.«

Julianne warf ihr einen langen Blick zu. »Konntest du herausfinden, was mit ihr passiert ist?«

»Sagt dir der Name Gordia etwas?«, fragte Nell zurück.

Erwartungsgemäß schüttelte Julianne den Kopf.

»Das war eine Widerstandsgruppe, die sich kurz nach der Gründung der Nord-Union gebildet hat«, erklärte Nell. »Natürlich wurde sie schnell zerschlagen. Im Archiv habe ich allerdings Hinweise gefunden, dass die Gruppierung nicht vollständig verschwunden ist – zumindest ihr Zeichen ist immer mal wieder aufgetaucht.«

»Das verknotete Tuch«, vermutete Julianne.

Zustimmend nickte Nell. »Genau. Die meisten, die es verwenden, wissen wahrscheinlich gar nicht, was es bedeutet. Aber anscheinend gab es hier und dort immer noch Leute, denen der Name Gordia etwas sagte und die die ganze Zeit über im Verborgenen versuchten, weitere Systembürger dazu zu bringen, an heimlichen Treffen teilzunehmen und sie ermutigten, Beziehungen zueinander aufzubauen.«

»Und Lilianne war eine von ihnen?«, hakte Julianne nach.

»Ja«, bestätigte Nell. »Aufgefallen ist sie dem Sicherheitsdienst aber vor allem, weil sie jahrelang am Kontakt zu ihrer Tochter Sheila festhielt – und das sogar obwohl Sheila bereits eigenen Nachwuchs bekommen hatte.« Sie machte eine kurze Pause, als ihr bewusst wurde, wie sehr sich die Sonne bereits dem Horizont entgegen neigte. Ein kurzer Blick über die Schulter verriet ihr, dass sie sich kurz vor Monacum befanden. Sie beschloss, Julianne nicht darauf aufmerksam zu machen. Wenn sie einfach ein E-Mobil unter vielen blieben, würden sie am unauffälligsten sein.

Mit einem tiefen Atemzug wandte sie sich wieder ihrem Gespräch zu. »Den Behörden gefiel das nicht. Aber Lilianne war K1 Plus kategorisiert und als Gutachterin für die Kategorisierungsverfahren nicht so leicht zu ersetzen. Man konnte es sich nicht leisten, sie auszuweisen. Also wurde sie geZIPt – zum ersten Mal kurz nach unserer Geburt. Erst Jahre später wurde klar, dass die Behandlung wirkungslos gewesen war. Ich nehme an, sie wusste, wie sie sich verstellen musste, um nicht aufzufallen.« Nell sah Julianne in die Augen, während sie fortfuhr, versuchte ihre Reaktion zu lesen. »Mit höherer Dosierung wurde die ZIP-Behandlung wiederholt. Aus den Status-Reports wurde deutlich, dass man diesmal schärfer kontrollierte. Liliannes Kompetenzwerte in der Emotionalen Kontrolle hatten deutlich nachgelassen. Sie wurde impulsiver und besuchte Sheila wieder häufiger. Ich denke, aus dieser Zeit erinnern wir uns an sie.« Juliannes Miene mit den winzigen Pupillen und den fest geschlossenen Lippen verriet ihre innere Anspannung.

»Abgesehen davon wies sie mehrere gravierende Gedächtnislücken auf, aber der Effekt war nicht ausreichend. Daher wurde sie schließlich doch ausgewiesen. Danach habe ich nur noch einen Zwischenfallbericht aus dem Getto gefunden. Einige Jahre nach ihrer Ausweisung wurde eine Frauenleiche vor dem Haupttor gefunden, deren Beschreibung auf sie passt. Die Freien, die sie dort abgelegt hatten, wurden Siedlung II zugeordnet – dem Waldlager, vermute ich. Als man die Frau untersuchte, wurde eine Lungenentzündung als Todesursache festgestellt. In ihrer Hand fand man ein beschriftetes Stück Tierhaut, wie es in dem Report heißt.«

»Was stand darauf?«, wollte Julianne atemlos wissen, als Nell nicht sofort weitersprach.

»Wie eine von vielen an der Kontrollsucht des Systems erstickt«, zitierte Nell aus dem Kopf.

Einen Moment lang starrte Julianne sie wortlos an. Dann meinte sie: »Ich glaube, du hast doch einiges von ihr. Das System mit Worten und Symbolen vorzuführen und anzugreifen zum Beispiel.«

Nells Blick schweifte in die Ferne. Sie glaubte fast, die hohen Mauern des Schutzwalls vor sich zu sehen, die letzten Schneereste, die tagsüber von den bereits wärmenden Strahlen der Frühjahrssonne vertilgt wurden – und dann der Frauenkörper gekleidet in den Overall, in den man sie vor der Ausweisung gesteckt hatte, die Hände auf der Brust um ein Stück Leder gefaltet mit einer letzten Nachricht an das System, einem letzten Protest. Sie hatte nicht aufgegeben.

»Die Rebellin warst du, Nell«, hörte sie Juliannes leise Stimme. »Du hast den Plan gegen das System geschmiedet, damit wir zusammenbleiben konnten. Ich habe nur getan, was du mir gesagt hast. Du hast dich dem System widersetzt.«

»Nein.« Nells Blick stellte sich wieder auf ihre Schwester scharf, nahm die hellen Augen wahr, die kräftigen Brauen, die hohen Wangenknochen, die schmale Nase und die sanft geschwungenen Lippen – und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit sah sie sich wieder selbst darin.

Sie streckte ihrer Schwester die Hand hin und war überrascht, wie schnell Juliannes Finger sich mit ihren verschränkten, wie selbstverständlich es sich nach all den Jahren wieder anfühlte.

»Das waren wir zusammen.«

Kapitel 2

Es fühlte sich seltsam an, zusammen mit Nell auf der Flucht zu sein – umzudenken, nicht mehr ihre Konkurrentin in ihr zu sehen, ihre Feindin, sondern wieder ihre Schwester. Und sich erneut mit der Schuld auseinandersetzen zu müssen, die sie durch den doppelten Verrat an Nell auf sich geladen hatte. Hinzu kam, dass Julianne genau wusste, wie Folda und sein Team vor den Bildschirmen in der Sicherheitszentrale lauerten und die Massenerkennungssoftware unermüdlich arbeitete, um aus irgendeinem Kamerabild ihr Gesicht zu filtern. Und früher oder später würden sie erfolgreich sein.

Doch Nell war es gewohnt, auf der Flucht zu sein. Vollkommen selbstverständlich traf sie Entscheidungen, von denen Julianne erst später begriff, warum sie klug waren.

Das MedZentrum von Lutetia lag nördlich der Stadt. Bis zum Einbruch der Dunkelheit fuhr Nell großzügige Schlaufen durch das Umland, um nicht zu lange irgendwo stehen zu müssen und Aufmerksamkeit zu erregen. Den letzten Schichtwechsel hatten sie ohnehin verpasst. Wie in allen Berufsfeldern, in denen dauerhaft gearbeitet werden musste, tauschte die Belegschaft um acht Uhr morgens, um vier Uhr nachmittags und um Mitternacht. Gegen 22 Uhr 30 suchten sie eine Ladestation am Rand einer Kleinstadt und stiegen in ein voll aufgeladenes E-Mobil um.

Trotz des stechenden Schmerzes, der ihren Unterschenkel hinaufzuckte, schaffte Julianne es, die wenigen Meter allein zu humpeln. Hätte Nell sie gestützt, hätten die Kameras ihre ungewöhnlichen Bewegungen registriert und die Überwachungssoftware Alarm ausgelöst. Stattdessen ließen die Zwillinge ihre Haare vors Gesicht fallen, hielten ihre Köpfe sorgfältig gesenkt und hofften, nicht doch in den Fokus einer der Kameras zu geraten, von denen sie schließlich nicht genau wussten, wo sie montiert waren.

Juliannes Anspannung stieg, als sie nach Lutetia hineinfuhren. Hier war es bisher nur zu kleineren gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen aufgebrachten Bürgern gekommen, nicht zu strategischen Kämpfen zwischen Rebellen und System-Soldaten wie in Baiona und Varsavinis. Wenn sie einem S-Mobil oder schwarz Uniformierten begegneten, die schwer bewaffnet durch die Straßen marschierten, konnten sie sich allerdings nicht sicher sein, von wem sie befehligt wurden – Systemregierung oder Rebellen. Da sie von beiden gejagt wurden, war es allerdings auch egal. Julianne war froh, dass sie die Stadt ohne Zwischenfälle durchquerten und schließlich die Hochstraße erreichten, die einen Ring um das MedZentrum zog – ein gigantischer Komplex mehrerer unterschiedlich hoher, quaderförmiger Gebäude aus Glas und weißem ExoBeton, der das Licht der kraftvollen NuxStrahler reflektierte. Zahlreiche Rampen gingen von der Ringstraße ab und führten zu Ladestationen vor den Nebeneingängen oder hinab in die Tiefgaragen.

»Hast du eine Ahnung, welches der Zugang für die Pflegekräfte ist?«, erkundigte Nell sich schließlich, während sie bei der bereits zweiten Umrundung des Komplexes die Karte auf dem Bordcomputer mit den Gebäuden unterhalb der Rampen verglich.

Julianne versuchte, sich zusammenzureißen und setzte sich im Beifahrersitz auf. Nach ihrem Gespräch mit Nell am Nachmittag fühlte sie sich noch immer wie betäubt – geschwächt, als sei sie noch dabei, sich von den Symptomen einer Vergiftung zu erholen. Und sie traute der Fähigkeit ihres Körpers, sich selbst zu heilen, nicht. Vielmehr fürchtete sie bereits, nach der kurzen Erholung könne es jederzeit in die noch schlimmere zweite Runde gehen.

Trotzdem wusste sie, dass sie es Nell schuldig war, sich jetzt zu konzentrieren. Doch auch während sie die Karte im Bordcomputer studierte, fühlte sie sich resigniert und mutlos. Ihre Schuld war einfach zu groß.

»An der Westseite befinden sich die Lieferantenzufahrten und einige unbeschriftete Eingänge«, verkündete sie schließlich. »Ich vermute, dass sich dort auch der Parkplatz für die Pflegekräfte befindet.«

»Draußen?«, hakte Nell nach. Obwohl sie ihrer Stimme nichts anhörte, war Julianne sich ziemlich sicher, dass Nell genauso wie sie selbst hoffte, nicht in eine Tiefgarage fahren zu müssen. Tiefgaragen waren voller Kameras und konnten allzu leicht zur Falle werden.

»Die Tiefgaragen an der Westseite sind alle für K1-Ärzte ausgewiesen«, stellte Julianne fest, nachdem sie den entsprechenden Ausschnitt der Karte vergrößert hatte. »Die Chancen stehen also gut, dass die Pflegekräfte die Ladestationen draußen nutzen.«

Die Westseite des MedZentrums war deutlich weniger hell ausgeleuchtet als das Glasportal an der Ostseite, das den Haupteingang bildete, oder die Durchfahrten, an denen die roten K-Mobile Notfälle ablieferten. Stattdessen lagen die meisten Ladestationen im Schatten zwischen den von Leuchtdioden gesäumten Zufahrtswegen.

»K2-Pflegekräfte«, las Julianne vor, als sie die Rampe von der Hochstraße herabkamen und sie die Leuchtschrift über dem gewölbten Torbogen zum Parkplatz rechter Hand entdeckte. Nell hatte die Durchfahrt jedoch bereits passiert und musste ein Stück entlang der niedrigen Bepflanzung, die den Parkbereich von der Straße abgrenzte, auf den Nebeneingang zufahren. Als Nell kurz davor die zweite Zufahrt zum Parkgelände nahm, warf Julianne einen Blick in die schmucklose Halle, die sich dahinter verbarg und die sie an die Welt aus Parallelgängen und verborgenen Zimmern erinnerte, die den meisten System-Bürgern verborgen blieben.

Nell fuhr eine Runde um die fast vollständig besetzten Ladestationen und fand schließlich eine freie, die zwar weitgehend im Schatten lag, aber gute Sicht auf den Nebeneingang des MedZentrums bot.

Es blieben noch etwa zwanzig Minuten bis zum Schichtwechsel. Wortlos harrten sie im Wagen aus und teilten sich die Reste von Juliannes Wasser. Jetzt hängt alles von diesem Jungen ab, dachte Julianne bitter. Nell hatte ihn genau beschrieben. Trotzdem war sie sich nicht sicher, ob sie ihn erkennen würde. Er war bestimmt nicht der einzige junge Phenotyp C-Pfleger mit rundlichem Gesicht und Welpenblick – wie Nell es ausgedrückt hatte. Sie war zudem nicht ganz sicher, was genau ihre Schwester mit diesem Ausdruck meinte, hatte aber auch nicht fragen wollen. Und selbst wenn sie ihn entdeckten, wie sollten sie ihn auf sich aufmerksam machen, ohne von seinen zahlreichen Kollegen bemerkt und von den Kameras am Eingang erfasst zu werden?

»Du übernimmst am besten das Steuer«, schlug Nell in diesem Moment vor. »Dann kann ich den Jungen ansprechen. Sobald er im Wagen ist, fährst du zurück auf die Hochstraße.«

Skeptisch zog Julianne die Augenbrauen hoch. »Und dann?«

»Wir fahren eine Runde«, entschied Nell. »Dann lassen wir ihn wieder hier aussteigen. Alles andere hängt davon ab, ob er zustimmt, uns zu helfen.« Kurz sah sie sich nach der Rampe um, die zur Hochstraße hinaufführte. »Die letzte Schicht kommt kurz vor Mitternacht raus. Dann werden die Ladestationen frei. Die neue Schicht trifft kurz nach Mitternacht ein. Das Verkehrsaufkommen wird erheblich sein. Da fallen wir kaum auf.«

In Juliannes Ohren klang es nicht nach einem sonderlich ausgereiften Plan, aber Nell hatte eindeutig mehr Erfahrung in diesen Dingen. Anders hätte sie sich in den letzten Jahren wohl kaum durchschlagen können. Aber Nell konnte sich immerhin darauf verlassen, scheinbar ausweglose Situationen durch ihre Fähigkeiten zu einem guten Ausgang für sich zu wenden. Wieder stieg diese Bitterkeit in Julianne auf. Die grenzenlose Frustration darüber, immer der minderwertige Zwilling zu sein.

Sie biss die Zähne zusammen, als Nell ihr auf dem Fahrersitz Platz machte und sie sich beim Umsetzen ungeschickt den verletzten Fuß an der Mittelkonsole stieß.

Nell war wieder in Schweigen verfallen. Julianne beobachtete sie von der Seite. Scheinbar entspannt hatte sie sich zurückgelehnt und die Augen halb geschlossen. Trotzdem war Julianne sich sicher, dass ihr nichts entging, was draußen vor sich ging. Diese ständige Wachsamkeit erinnerte sie an Jake. Vielleicht lernte man das in der Wildnis.

Krampfhaft schluckte sie die lähmende Mischung aus Traurigkeit und Schmerz herunter, die sich bei dem Gedanken an Jake in ihr regte. Wenn er im Getto gewesen war, bestand kaum Hoffnung, dass er bis jetzt überlebt hatte. Ob Nell wusste, welche Verwüstung der Vulkan angerichtet hatte und in was für einem Chaos Carter Heims Truppen geflohen waren? Sie hatte die Bilder gesehen. Wie sollte irgendjemand auch nur einen Tag lang unter dieser Ascheschicht überleben? Sie musste sich räuspern, um ihre Stimme wieder zum Leben zu erwecken. »Was genau hast du vor, wenn wir hier rauskommen?«, erkundigte sie sich schließlich vorsichtig.

»Ich suche Jake«, antwortete Nell knapp, ohne ihre Haltung zu verändern.

»Am Getto wird immer noch gekämpft«, gab Julianne zu bedenken. »Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass wir es an den Rebellen und an den Soldaten vorbei schaffen.«

»Du musst nicht mitkommen«, entgegnete Nell nur und Julianne wusste, dass sie nicht gegen sie ankommen würde. Genauso wie sie wusste, dass sie ihrer Schwester folgen müsste. Denn ohne Nell hatte sie erst recht keine Chance. Das wussten sie beide.

»Und dann?«, hakte sie dennoch nach. »Solange Krieg herrscht, sind wir nirgendwo sicher.« Auch ohne Krieg war sie nie wirklich sicher gewesen, wurde ihr bewusst, noch während sie sprach. Sicherheit war ein Zustand, den sie immer herbeigesehnt hatte, ohne ihn je wirklich zu erleben. Wie jämmerlich, dass sie noch immer an nichts anderes denken konnte als an ihre Sicherheit, ihre Angst um ihr Leben.

Zum ersten Mal erfolgte Nells Antwort nicht unmittelbar. Sie schwieg so lange, dass Julianne schon fast nicht mehr damit rechnete. Doch dann setzte Nell sich auf.

»Kannst du deine Kom-Disc manipulieren, sodass sie kein Ortungssignal mehr aussendet?«, erkundigte sie sich.

Sofort schüttelte Julianne den Kopf und Nell zog die Augenbrauen zusammen. »Du warst immer die Beste in solchen Dingen. Das müsstest du doch hinkriegen.«

»Vielleicht schon«, stimmte Julianne zu. »Aber ich gehe davon aus, dass sie nur darauf warten, meine Kom-Disc zu orten, sobald sie aktiv wird.« Fast automatisch begann ihr Kopf jedoch zu arbeiten. Wie könnte man das Problem umgehen? »Ich müsste eine fremde Kom-Disc präparieren«, schlug sie Nell vor. »Die kannst du dann nutzen, ohne befürchten zu müssen, dass sie dich aufspüren, selbst wenn sie dich identifizieren.«

Nell lehnte sich wieder in ihrem Sitz zurück. »Der Junge hat sicher eine. Wir nehmen seine.«

Wieder fühlte Julianne sich von der Selbstverständlichkeit, mit der ihre Schwester sprach, überrumpelt.

»Wen willst du denn anrufen?«, erkundigte sie sich.

»Hank Weilder«, erwiderte Nell.

Was wollte sie jetzt noch von dem Obersten Experten? Nells Wortkargheit machte Julianne wütend. Schließlich ging es auch um ihr Leben.

Ehe sie jedoch etwas sagen konnte, deutete Nell zum Nebeneingang des MedZentrums. »Schichtwechsel. Sobald wir ihn sehen, setzt du zurück und fährst so dicht neben ihn wie möglich.«

Die Pfleger strömten in einer langen Schlange aus dem Gebäude und verteilten sich auf der Suche nach freien E-Mobilen über den Parkplatz. Nell verengte leicht die Augen und starrte angestrengt zu dem Fußgänger-Zugang, der eine schmale Brücke zwischen der Bepflanzung bildete. Julianne hingegen gab nach wenigen Minuten auf. Die Beleuchtung war einfach zu schlecht und die Pfleger in ihren dunkelgrünen K2-Garderoben sahen einander zu ähnlich. Sie hatte keine Hoffnung, einen Jungen zu identifizieren, den sie nie gesehen hatte.

Zügig füllte sich das Parkgelände und leerte sich dann wieder, während ein E-Mobil nach dem anderen auf die Ausfahrt einbog und die Rampe hinauf zur Hochstraße beschleunigte. Unwillkürlich rutschte Julianne in ihrem Sitz tiefer, da ihr eigenes E-Mobil immer exponierter in der Ladestation stand. Schließlich schüttelte Nell den Kopf. »Ich habe ihn nicht gesehen.«

Noch waren die letzten Fahrzeuge nicht verschwunden, als die nächste Schicht anrückte und die Ladestationen um sie herum rasch wieder besetzt wurden. Jetzt war es jedoch noch schwieriger, die Gesichter der Pflegekräfte zu unterscheiden. Da sie sich von den Ladestationen in Richtung des Eingangs bewegten, kehrten ihnen die meisten den Rücken zu.

»Das ist er!« Nells Ausruf ließ Julianne zusammenzucken.

»Wo?«

»Der schmächtige Junge dort, hinter den beiden Typ A-Frauen.« Nell deutete durch die Heckscheibe und Julianne reckte den Hals. Der Pfleger, auf den Nells Beschreibung passen konnte, sah mit seinen rundlichen Wangen tatsächlich noch sehr jung aus. Er schob sich zwischen zwei geparkten E-Mobilen hindurch und trottete mit gesenktem Kopf hinter den beiden Frauen her auf die Fußgängerbrücke zu.

Julianne startete ihr Fahrzeug und setzte es rückwärts aus der Ladestation. Da die Sicherheitssysteme des Wagens aktiv waren und die Außenkameras die vielen Fußgänger registrierten, ließ er sich nur langsam manövrieren.

Als sich die beiden Pflegerinnen und der Junge auf der Straße direkt vor ihnen befanden, drückte Julianne den Beschleunigungshebel auf maximale Geschwindigkeit. Der Wagen stieß ein Warnsignal aus und leitete die Notbremsung ein – der allerdings ein unkontrollierter Satz nach vorn voranging. Erschrocken sprangen die drei Pflegekräfte auseinander – der Junge nach rechts, sodass er direkt vor Nells Tür geriet.

»Kopf runter«, kommandierte Nell, als die drei mit erschrocken geweiteten Augen zu ihnen ins Wageninnere starrten, aber Julianne hatte sich bereits hinter die Steuereinheit geduckt. Nell hingegen ließ per Tastendruck ihre Tür aufgleiten.

»Entschuldigung, falscher Hebel«, rief sie, ergriff den Jungen jedoch am Arm, ehe er sich ebenso wie die beiden Frauen abwenden konnte.

»Steig ein«, befahl sie ihm mit gedämpfter Stimme.

Seine dunklen Augen wurden noch größer, sein Gesicht blasser. »Ministerin«, entfuhr es ihm.

»Einsteigen«, wiederholte Nell und zog leicht an seinem Arm. Es genügte, um ihn aus seiner Starre zu lösen. Kaum hatte er einen Schritt auf das E-Mobil zugemacht, ließ Julianne die Tür wieder heruntergleiten, sodass er sich beeilen musste. Sie wartete nicht ab, bis er auf die Rückbank gerutscht war, um den E-Motor erneut zu starten. Wie verabredet, lenkte sie das Fahrzeug auf die Rampe zur Hochstraße. Mit beiden Händen hielt sie das Steuer umklammert, obwohl es unnötig war. Den Reflex konnte sie nicht unterdrücken, aber sie versuchte innerlich ruhiger zu werden, indem sie bewusst langsam atmete. Ihr E-Mobil ordnete sich ganz automatisch zwischen den Führungslinien ein und nahm auf der Ringstraße gemächlich Fahrt auf.

Nell drehte sich zu dem sprachlosen Jungen um, der auf der Kante der Rückbank hockte und ihr ganz entgegen der System-Gewohnheiten entgeistert ins Gesicht starrte.

»Es tut mir leid, dass wir dich so überrumpeln mussten.«

Diese sanfte Stimme hatte Julianne sehr lange nicht mehr von ihrer Schwester gehört. Ihre Hände verkrampften sich am Steuer.

»Erinnerst du dich an unsere letzte Begegnung?«

Juliannes Blick flog in der einsetzenden Stille zum Rückspiegel. Erleichterung durchströmte sie, als sie den Jungen endlich nicken sah.

Nell lächelte ihm zu. »Dann weißt du sicher noch, dass ich ziemlich plötzlich verschwinden musste. Ich hatte keine Gelegenheit mehr, dich nach deinem Namen zu fragen.«

»Mark«, stieß er hervor und klang fast erleichtert, dass er dieses eine Wort hervorgebracht hatte. Er wirkte völlig überfordert mit der Situation. Julianne hörte ihn tief Luft holen. »Ich habe Ihren Film gesehen«, platzte es aus ihm heraus. »Ich kann auch nichts vergessen. Ich erinnere mich an alles – auch daran, wie Sie verschwunden sind. Sie haben schon damals gegen das System gearbeitet, oder?«

»Nicht gegen das System«, korrigierte Nell ihn rasch, »nur gegen seine Methoden.«

Im Rückspiegel beobachtete Julianne, wie eine aufgeregte Röte in Marks Wangen stieg. »Ich wusste nicht, wie ich Sie finden sollte – oder die Rebellen.« Seine Worte klangen fast wie eine Entschuldigung. Julianne spürte, wie ihre Nackenmuskulatur sich entspannte.

»Das verstehe ich«, erwiderte Nell – immer noch mit dieser sanften Stimme, die sich wie ein zartes Streicheln auf Juliannes Haut anfühlte und gleichzeitig all die Erinnerungen in ihr wachrief, die sie mühsam versucht hatte zu verdrängen. Jetzt war umso klarer, dass sie nie wirklich vergessen konnte, wie Nell sie immer beschützt hatte.

»Leider haben wir dich in Gefahr gebracht, indem wir Kontakt zu dir aufgenommen haben, aber wir brauchen deine Hilfe. Meine Schwester ist verletzt«, fuhr Nell fort.

Zum ersten Mal begegnete sein Blick Juliannes im Rückspiegel. Die Überraschung schien ihn wie ein Fausthieb im Gesicht zu treffen. Seine dunklen Augen weiteten sich erneut. Er öffnete den Mund, seine Lippen bewegten sich, doch er brauchte mehrere Anläufe, bis er etwas hervorbrachte: »Zweimal! Warum gibt es Sie zweimal?«

»Es gibt uns beide nur einmal«, entgegnete Nell ruhig und ergriff Marks Hand. Er war so irritiert von der Berührung, dass er sich wieder ganz auf sie konzentrierte. »Das ist meine Schwester. Das System hat uns getrennt, aber wir haben einander wiedergefunden.«

Sie machte eine winzige Pause, wie um Mark die Gelegenheit zu geben, die Information zu verarbeiten. Julianne registrierte jedoch Nells Blick über die Schulter zum Bordcomputer in der Mitte der Armatur. Sie würden die Runde auf der Ringstraße bald vollendet haben. Zu oft sollten sie das MedZentrum nicht umkreisen. Das könnte doch noch auffallen – möglicherweise sogar, weil das E-Mobil selbst eine Warnung aussendete.

»Erinnerst du dich an Menschen, die du gerne einmal wiedersehen würdest?«, erkundigte sie Nell bei dem Jungen.

»Ja«, brachte Mark hervor.

»Wir können dir helfen«, behauptete Nell, »aber zuerst brauchen wir deine Unterstützung.«

Marks Blick wirkte noch immer leicht glasig, als Julianne sich zu ihm umdrehte, um ihm ihren Fuß zu zeigen. Sobald sein Blick auf ihren geschwollenen Knöchel fiel und er sich auf ein gewohntes Problem konzentrieren konnte, schien er ruhiger zu werden. Nach einer kurzen Untersuchung bestätigte er Nells Verdacht, dass es sich um eine Bänderzerrung handeln musste. »Ein abschwellendes Gel und ein AirCast würden helfen.«

»Kannst du uns das besorgen?«, erkundigte sich Nell.

Zögernd nickte Mark und warf einen kurzen Blick auf die digitale Uhranzeige im Bordcomputer. »Wenn Sie mich zurückfahren, bin ich noch fast pünktlich. Meine Schicht endet um acht Uhr. Dann kann ich Ihnen die Sachen bringen.«

»In Ordnung.« Nells Stimme nahm erneut ihren sanften Klang an. »Aber geh kein zu großes Risiko ein. Wir wollen auf keinen Fall, dass dir etwas passiert. Wenn du das Gefühl hast, beobachtet zu werden, tu auf dem Parkplatz einfach so, als würdest du uns nicht kennen. Dann sprechen wir dich nicht noch mal an.«

Er nickte. Seine Wangen glühten. »Sie können sich auf mich verlassen, Ministerin.« Sein Blick irrte kurz zwischen ihnen hin und her, weil er offensichtlich nicht wusste, wem von ihnen der Titel eigentlich zustand. Julianne drehte sich mit ihrem Stuhl wieder zurück – gerade rechtzeitig, um das E-Mobil wieder auf die Rampe zum Eingang für die Pflegekräfte zu lenken.

»Außerdem brauchen wir Wasser«, instruierte Nell den Jungen, während Julianne die erste Zufahrt zum Parkgelände nahm und in einer der im Schatten liegenden Ladestationen hielt. Vor dem Eingang entdeckte sie nur noch zwei K2-Männer, die bald im Gebäude verschwunden sein würden. Sie ließ die Tür aufgleiten, um Mark aussteigen zu lassen.

»Und wir brauchen deine Kom-Disc«, ergänzte Nell.

Mark stand bereits auf der Straße und wandte sich überrascht zu ihr um.

»Du kriegst sie wieder, wenn du uns die Sachen bringst«, versicherte Nell ihm.

»In Ordnung.« Ein wenig zögerlich zog Mark seine Kom-Disc aus der Hosentasche und händigte sie Nell aus.

Julianne beobachtete den Jungen, der eilig auf den Eingang der Pfleger zulief und aus ihrem Blickfeld verschwand.

»Fahren wir«, forderte Nell sie dann auf. »Wir können nicht acht Stunden lang hier stehen und warten.«

Wortlos nickte Julianne und atmete unwillkürlich auf, als sie wenig später eine der Ausfallstraßen von Lutetia erreichten.

Nell untersuchte neben ihr die Kom-Disc. »Einen Alarm hat er nicht ausgelöst«, stellte sie fest.

Fragend sah Julianne sie an. »Denkst du, er wird uns verraten?«

Sie hob die Schultern. »Er wirkt, als habe er eine recht geringe Emotionale Kompetenz. Ich denke, er hat mehr Angst vor dem System als vor uns und ist nach wie vor fasziniert davon, der Ministerin begegnet zu sein.« Julianne spürte ein Lächeln in ihre Richtung fliegen. »Und dann auch noch doppelt.«

»Aber sicher bist du dir nicht«, hakte Julianne nach.

Nell seufzte nur und wechselte statt einer Antwort das Thema. »Kannst du den Kontakt zum Obersten Experten herstellen?«

Zögernd nickte Julianne. Wieder wechselten sie die Plätze im E-Mobil und Julianne öffnete eine Programmier-Konsole in Marks Kom-Disc. Am einfachsten war es, ihre Daten über ein Double zu senden. Dazu musste sie auf den Server in Monacum zugreifen und es so aussehen lassen, als käme ihre Anfrage von einem beliebigen anderen Gerät, indem sie den Terminal-Code temporär tauschte. Dieser Wechsel würde im Server-Set I nicht gespeichert werden, konnte aber im Moment des Geschehens auffallen. Vorsichtshalber wollte sie eine ganze Kette von Terminal-Codes verschiedener Geräte irgendwo im System zwischenschalten. Das würde es noch komplexer machen, den Datenweg zurückzuverfolgen und ihr Zeit verschaffen. Doch auch wenn es gelang, würde man nur bei dem Terminal-Code des Doubles landen. Nach Nells Gespräch mit dem Obersten Experten mussten die Terminal-Codes allerdings möglichst sofort zurückgetauscht werden. Einem findigen K1-Programmierer könnte der Wechsel früher oder später sonst doch auffallen.

Obwohl Julianne noch immer nicht wusste, was Nell vorhatte, fühlte sie sich ruhiger. Diese Aufgabe konnte sie lösen. Und irgendwie verlieh ihr das Zuversicht.

»Nell Corr.« Die kühle Stimme des Obersten Experten nahm Julianne in einen nahezu eisigen Griff. Unwillkürlich zog sie die Schultern an. »Mit welcher von euch beiden spreche ich? Den Namen habt ihr in den letzten Jahren schließlich beide getragen.«

»Welchen Unterschied macht es, mit wem du sprichst?«, fragte Nell zurück.

»Nun«, meinte Hank Weilder langsam, »auch wenn ihr euren Namen geteilt habt und euch rein äußerlich nicht unterscheidet, seid ihr in vielerlei Hinsicht erstaunlich unterschiedlich geraten.«

»Ich bin mir sicher, deine Analysten sind bereits damit beschäftigt, meinen Anruf zurückzuverfolgen und meine Antworten zu bewerten«, erwiderte Nell. »Vielleicht kommen sie ja zu einem einheitlichen Schluss. Ich bin mir sicher, am Ende wirst du dieses Gespräch einer von uns zuordnen.«

Obwohl die Verbindung mit dem Obersten Experten kaum eine Minute bestand, zitterte Julianne bereits vor innerer Anspannung. Nell hingegen wirkte ebenso gelassen wie ihr Gesprächspartner, dessen Stimme nicht einmal eine Spur von Überraschung anzumerken gewesen war. Julianne wunderte sich nicht mehr darüber. Sie tat einfach, was Nell ihr gesagt hatte. Schweigend nahm sie wieder Kurs auf das MedZentrum von Lutetia.

Bis sie sich absolut sicher gewesen war, dass sie nicht mehr über Marks Kom-Disc zu orten waren, hatte sie doch ihre Selbstzweifel überwinden müssen und das hatte sie mehr Zeit gekostet als erwartet. Sie war einfach nicht überzeugt, wirklich an ihre Leistungen aus Ausbildungs-Zeiten anknüpfen zu können. Es war so lange her, seit sie sich das letzte Mal an einem derart komplexen Vorgang versucht hatte. Zudem hatte es sie mehrere Anläufe gekostet, um die Verbindung zum Obersten Experten herzustellen, da er ihre Kontaktanfrage nicht sofort beantwortet hatte. Dieses Warten auf seine Rückmeldung kannte sie schon, denn er hatte ihre Anrufe selten sofort beantwortet. So hatte sie die Zeit meist in einer unangenehmen Mischung aus Angst vor seinem Urteil und Hoffnung auf einen Lösungsvorschlag zugebracht. Jetzt überwog eindeutig ihre Nervosität, besonders seit der Experte ihre Kontaktanfrage tatsächlich beantwortet hatte.

Sie versuchte, sich abzulenken. Mittlerweile ging die Sonne auf. Das sanfte Gold ihres Lichts erinnerte Julianne an den Sonnenaufgang, den sie mit Jake im Grenzland erlebt hatte. Ein schmerzhafter Stich durchfuhr ihr Herz. Ich muss mir keine Sorgen machen, ihn wiederzusehen, versuchte sie sich selbst zu beruhigen, er ist im Getto verschollen. Aber der Gedanke war ihr keineswegs ein Trost. Im Gegenteil!

Hank Weilders kurzes Auflachen, das aus den Lautsprechern des E-Mobils drang, lenkte ihre Aufmerksamkeit doch wieder auf das Gespräch.

»Deine Art, mit mir zu sprechen, legt nahe, dass ich es mit der Getto-Schwester zu tun habe«, bemerkte er. »Deine Sicherheit und die Tatsache, dass wir dich nicht orten können lässt mich wiederum vermuten, dass ich es mit meiner ehemaligen Ministerin zu tun habe, die in dieser Hinsicht ja ganz besondere Talente besitzt. Ich möchte dich darauf hinweisen, dass wir dich natürlich trotzdem kriegen werden – früher oder später.«

»Solange ich dafür sorge, dass es nicht früher passiert, mache ich mir keine Gedanken«, bemerkte Nell. »Denn später wird das System nicht mehr existieren – nicht in seiner derzeitigen Form.«

»Was macht dich da so sicher?«

»Die menschlichen Bedürfnisse, die das System auslöschen wollte, wurden nur unterdrück«, erklärte Nell. »Die Bürger haben sich vor allem aus zwei Gründen an die Regeln gehalten – weil sie keine Alternativen kannten und weil sie Angst vor den Konsequenzen hatten. Das ist jetzt vorbei.«

Hank Weilders Stimme klang unverändert kühl. »Hast du mich angerufen, um mir das mitzuteilen?«

»Nein.« Nell ließ sich genauso wenig wie er aus der Ruhe bringen. »Ich möchte eine Sache verstehen.«

Die zahlreichen Party-Tower von Lutetia mit ihren auffällig geformten Aussichtsplattformen tauchten in der Ferne auf. Gegen die aufgehende Sonne waren sie nicht mehr als Silhouetten, aber Julianne wusste auch so, dass sie aufgrund der systemweiten Ausgangssperre nicht wie früher in den Blinklichtern und unter den Klängen der Musik pulsierten. Sie blinzelte in den Himmel. Er schien von grauen Schleiern verhangen, doch die aufgehende Sonne tränkte ihn schlagartig mit ihrem blutroten Licht – ein unheimlicher Anblick.

Mit einem Blick zu ihrer Schwester deutete Julianne auf den Bordcomputer. Nell nickte ihr kurz zu, blieb aber auf das Gespräch konzentriert. Sie wusste, dass sie sich beeilen musste. Es war nicht mehr lange bis zum Schichtwechsel.

»Wer genau profitiert vom System?«, wollte sie wissen. »Wer genau hat den Reset der Gesellschaft angeordnet und durchgeführt? Wer sind die Verantwortlichen?«

Einen kurzen Augenblick zögerte Hank Weilder seine Antwort hinaus, ehe er meinte: »Ich ahne, worauf deine Frage abzielt. Du glaubst, wenn du die Ziele des Systems begreifst und die Profiteure identifizierst, kannst du in Verhandlungen treten. Aber du hast einen zentralen Punkt noch immer nicht begriffen.«

»Und zwar?«, hakte Nell nach, als er nicht sofort weitersprach.

»Erinnerst du dich, dass ich euch sagte, das System sei eine Maschinerie in den Köpfen der Menschen, die sich selbst trägt?«, erkundigte er sich. »Es gibt niemanden hinter dem System. Jeder, der funktioniert und seinen Platz ausfüllt, ist das System. Verantwortlich ist nur das System selbst. Und das System hat keine Ziele. Es ist das Ziel. Der Profiteur des Systems ist die Allgemeinheit, deren Zukunft durch das System gesichert wird.«

»Die Allgemeinheit«, wiederholte Nell nachdenklich. »Ist das nicht etwas vage?«

»Keineswegs«, widersprach der Oberste Experte. »Du musst verstehen, dass man das System einzig und allein gegründet hat, um es den schädlichen Trieben der Menschen entgegenzustellen. Genau diese Triebe waren es, die unseren Planeten zugrunde gerichtet haben. Kriege, Hungersnöte, Naturkatastrophen, Epidemien – alles, weil jeder nur nach dem kurzfristig Besten für sich selbst strebte. All das ist seit Bestehen des Systems Vergangenheit. Alles, was die Rebellen bisher erreicht haben, ist, treue Systembürger an ihre Bedürfnisse zu erinnern. Und die Folgen sind unübersehbar – Krieg, Tod, Elend.«

 

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