Am Anfang war das Wort…

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… darauf sogleich der erste Satz und irgendwann – unweigerlich, nachdem man die Helden hoffentlich durch die Höhen und Tiefen einer spannenden oder einfach schönen Geschichte begleitet hat – der letzte.

 

Ich bin ein Fan der ersten und der letzten Sätze von Büchern.

In der Psychologie kennt man den Seriellen Positionseffekt. Wenn Versuchspersonen eine Liste von Items gezeigt wird (Wörter, Namen, Daten oder Gerüche) und sie im Anschluss bittet, die Items in beliebiger Reihenfolge zu wiederholen, erinnern sie sich besser an die ersten (Primacy Effect) und letzten (Recency Effect) Items der Liste als an die in der Mitte.

Craik, F.I.M. & Watkins, M.J. (1973). The role of rehearsal in short-term memory. Journal of Verbal Learning and Verbal Behaviour, 12, p. 599-607.
Reed, P. (2000). Serial position effects in recognition memory for odors. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 26, p. 411-422.

 

Eine Geschichte ist keine Liste von Items. Für mich gibt es dabei trotzdem einen ähnlichen Effekt: erste und letzte Sätze sollten in besonderer Erinnerung bleiben. Der erste Satz ist wie die Tür in die Welt der Geschichte, der letzte wie ein Händegruß zum Abschied.

Habt ihr Lieblings-Erste- oder Letzte-Sätze?

 

Hier ein paar von meinen:

„Du kennst mich nicht.“ – „Und ich begreife endlich, dass das Stück, auch wenn es sich am Anfang einsam, verzweifelt und zaghaft angehört haben mag und in der Mitte ziemlich chaotisch und qualvoll war, zum Schluss doch noch ein Liebeslied geworden ist.“ (aus: Ihr kennt mich nicht von David Klaas)

„Nichts rührte sich im Tal der Drachen.“ – „Ja, zwei Monate konnten lang sein – aber nicht mit Guinever.“ (aus: Drachenreiter von Cornelia Funke)

„Die Geschichte, die ich erzähle, ist mehr als fünfundzwanzig Jahre alt.“ – „Ich verändere nichts, mich verändert alles!“ (aus: Maikäfer flieg – Zwei Wochen im Mai von Christine Nöstlinger)

„No one who had ever seen Catherine Morland in her infancy would have supposed her born to be a heroine.“ – „… I leave it to be settled, by whomsoever it may concern, whether the tendency of this work be altogether to recommend parental tyranny, or reward filial disobedience.“ (aus: Northanger Abbey von Jane Austen)

„The artist is the creator of beautiful things.“ – „It was not till they had examined the rings that they recognised who it was.“ (aus: The Picture of Dorian Gray von Oscar Wilde)

„It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thirteen.“ – „It was chiefly in order to allow time for the preliminary work of translation that the final adoption of Newspeak had been fixed for so late a date as 2050.“ (aus: 1984 von George Orwell)

„First the colours.“ – „A Last Note from your Narrator: I am haunted by humans.“ (aus: The Book Thief von Markus Zusak)

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