Twins 3 – Die Verschwörung

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Erster Teil

Erinnert euch gemeinsam.

Uns gemeinsam

kann das System

nicht ausweisen.

 

Kapitel 1

Irgendwo unter ihr war das Meer. Nell hatte den bequemen Liegesessel des Flugmobils zurückgestellt und die Augen geschlossen. In dem weichen, cremefarbenen Kunstleder schien sie zu schweben. Schlaf hatte sie seit dem Start vor ungefähr vier Stunden jedoch nicht gefunden. Noch immer fühlten sich ihre Atemwege gereizt an. Die Kabinenluft brannte in ihren Lungen. Sie atmete flach, fuhr immer wieder nach Luft ringend hoch, weil sie urplötzlich von dem Gefühl überwältigt wurde, zu ersticken.

     Tobin saß ihr gegenüber und bot an, ihr Wasser zu holen. Sie ließ es zu, dass er sich um sie kümmerte, während ihre Gedanken zum wiederholten Mal zu dem Moment vor drei Tagen zurückglitten, als sie nach dem Anschlag auf das Haus des Staatssekretärs im Krankenhaus aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht war. Sobald sie die Augen aufgeschlagen hatte, war Aidan bei ihr gewesen, hatte sich über sie gebeugt und wissen wollen, wie es ihr ging. Im ersten Moment war ihr überhaupt nicht klar gewesen, was eigentlich passiert war. Sie hatte schrecklichen Durst gehabt. Sie hatte gespürt, dass ihre Lippen sich bewegten, doch es kam kein Ton hervor, als sie um Wasser bitten wollte. Ihre umherirrenden Augen waren auf das durchtrennte Goldarmband auf ihrem Nachttisch gefallen. Es hatte sie für den Rest ihres Lebens an das Haus des Staatssekretärs fesseln sollen. Schlagartig war ihr klar geworden, was passiert sein musste. In ihrem Bemühen, die Dokumente über die Nord-Union vor den gierigen Flammen zu retten, hatte sie vollkommen vergessen, dass sie es trug. Aber selbst wenn sie daran gedacht hätte, welche Wahl hätte sie gehabt? Die Alternative zum Stromschlag wäre gewesen, in den Flammen zu verbrennen oder im Rauch zu ersticken. Bei dem Gedanken an die Explosionen und das Feuer war sie ruckartig hochgefahren, hatte den stechenden Schmerz ignoriert, der sich in ihren Kopf bohrte. Was war aus den Sklaven im Haus geworden – aus Alban und den anderen?

     Aidan hatte ihr erzählt, dass sich die meisten Sklaven – darunter auch Alban – in der Nähe der Brandbomben befunden hatten oder durch Rauchvergiftungen gestorben waren. Selbst als gleich darauf der Arzt gekommen war, um ihre Diagnose zu besprechen, hatte Nell nicht aufhören können, an Alban zu denken. Alban, der im Land der Freiheit ein Rechtloser gewesen war und der das Haus seines Herrn nie wieder verlassen würde.

     Der Stromschlag hatte ihren Puls aus dem Takt gebracht, hatte der Arzt ihr erklärt, die Pillen zur Stabilisierung des Herzmuskels jedoch Aidan gegeben. Ihre geistige Abwesenheit schien ihm nicht entgangen zu sein.

     Auch als Tobin sie später besucht hatte, hatte sie nur mühsam sprechen können. Laut Aidan war es Tobin gewesen, der nach den Detonationen von seiner Arbeitsstelle einige Grundstücke weiter entfernt herbeigelaufen war, um sie aus der Gefahrenzone des brennenden Hauses zu retten. Ihren Dank hatte Tobin jedoch nicht hören wollen. „Es tut mir so leid, was ich zu dir gesagt habe“, hatte er sich stattdessen mehrfach entschuldigt. „Ich wusste schon in dem Moment, als ich es sagte, dass ich unrecht habe, aber ich wollte dir wehtun, wollte dich verletzen. Das war schäbig von mir.“

     Nell – schwindelig, mit rasendem Herzen, schmerzenden Gliedern und brennenden Lungen – war einfach nur froh gewesen, dass Tobin nicht mehr wütend auf sie war. Er schien sich selbst jedoch nicht so verzeihen zu können wie sie. Selbst jetzt nicht, nachdem er ihr das Leben gerettet hatte.

     Während er aufstand, um ihr den nächsten Becher Wasser zu holen, ließ Nell ihren Blick langsam durch das Flugmobil wandern. In der schlauchförmigen Kabine waren entlang der Außenwände auf jeder Seite zwanzig Sessel angebracht, die durch einen Gang in der Mitte getrennt wurden. Die meisten Sessel waren nicht besetzt. Neben Aidan und Tobin befand sich Hester mit an Bord, außerdem zwei Männer in seidenglänzenden perlgrauen Anzügen, die Hesters ähnelten. Zwei Frauen und ein Mann, alle drei mit muskulösen Armen und kurz rasierten Haaren, hatten sich mit einigem Abstand auf die hinteren Sessel zurückgezogen. In ihren schwarzen Cargohosen und -westen hoben sie sich deutlich von den anderen beiden ab. Nell hatte keine Ahnung, wer die fünf Fremden waren, aber auch noch keine Gelegenheit gehabt, Hester nach ihnen zu fragen.

     Vorne in der Maschine befand sich eine großzügige Bar mit glänzenden schwarzen Flächen und einer freundlichen Frau mit brünetten Locken, die Tobin breit anlächelte, als er nach Wasser fragte.

     Nell seufzte unhörbar. Sie hatte noch gar nicht richtig begriffen, dass sie sich tatsächlich auf dem Weg zurück in die Nord-Union befanden. Erst am Morgen – nur drei Tage nach dem Anschlag – war sie aus dem Krankenhaus entlassen und direkt zum TransferPoint gebracht worden. Der Staatssekretär Belmont Kaplain musste es mit seiner Entscheidung auf einmal äußerst eilig gehabt haben. Nell hatte ihn nur noch einmal kurz gesehen, als er sie am TransferPoint verabschiedet hatte. Er war nicht der gleiche Mann gewesen. Seine Miene war versteinert, sein Kiefer entschlossen vorgeschoben, sein Händedruck kurz und seine Worte barsch. Abgesehen von seinem Haus hatte er auch einen seiner Söhne bei dem Anschlag verloren, der von der Explosion im zweiten Stock zerfetzt worden war. Und über die leblose Gestalt von Belmonts Frau war Nell auf dem Weg zum Ausgang gestolpert. Sie erinnerte sich in vagen, rauchgetrübten Bildern daran. Aidan hatte die Frau zwar nach draußen gebracht und so ihr Leben retten können, doch sie lag noch immer im Krankenhaus und würde sich wohl nie mehr ganz von den Folgen der Rauchvergiftung erholen. Anders als bei Nell hatte ihre Lunge dauerhafte Schäden davongetragen. Aidan hatte ihr dann triumphierend die Neuigkeiten verkündet: „Sie sind zu weit gegangen“, mit glänzenden Augen hatte er Belmonts Worte mehr als einmal für Nell wiederholt. „Sie schicken uns zurück ins System, Nell. Sie wollen mit unserer Hilfe ein Gegenspionageprogramm aufbauen. Das ist unsere Chance.“

     Seine Begeisterung war an ihrer Benommenheit abgeperlt und ins Leere gelaufen. Sie hatte gespürt, dass er es ihr übel nahm, dass sie sich nicht darüber freuen konnte. Obwohl er sich angesichts ihres Zustands bemühte, es zu verbergen, hatte der enttäuschte Zug um seinen Mund verraten, wie frustriert er war, dass sie seine Leidenschaft für das, was sie erreicht hatten, nicht teilte. Doch Nell hatte nur daran denken können, zu welchem Preis sie diesen Erfolg erkauft hatten. Sah Aidan die Toten gar nicht?

     Nell drehte den Kopf. Er saß auf der anderen Seite des Ganges in seinem Sessel und hatte den Blick auf den Bildschirm an der Decke geheftet, an dem ihre derzeitige Position angezeigt wurde. Die verbliebene Reisezeit betrug knapp drei Stunden.

     Tobin kam zurück, gab ihr den Becher und setzte sich ihr gegenüber. Auch er wirkte angespannt. Sein Blick flog immer wieder zwischen dem gleißenden Wolkenpanorama vor dem runden Fenster und Nell hin und her.

     Dass ihre Rückkehr ins System die Chance war, auf die Aidan so sehnsüchtig gewartet hatte, war Nell klar. Sie fragte sich jedoch, was Tobin sich erhoffte. Lief er Aidan nur nach, weil Aidan immer die Richtung bestimmt hatte? Dieser Gedanke brachte sie zu der fast noch schwieriger zu beantwortenden Frage, was sie selbst eigentlich wollte – in einem Land, in dem es keinen Platz für sie gab. Früher oder später würde sie Julianne erneut gegenüberstehen. In einem Land ohne Verstecke würde Nell ihr irgendwann in die Fänge gehen – ihr oder Jake und seinen Hunden. Der Gedanke stahl sich langsam in ihren Kopf und zog sich zu einem bohrenden Schmerz zusammen.

     Ihr Drang, die dunklen Geheimnisse des Systems zu lüften, schien mit den Dokumenten in den Flammen der Systembrandbomben zu Asche zerfallen zu sein. Vielleicht war die Schwäche in ihren Gliedern schuld an ihrer Mutlosigkeit. In den drei Nächten im Krankenhaus hatte sie Albträume und Erstickungsempfindungen gehabt. Sie fühlte sich plötzlich verletzlich und angreifbar. Aber sie hatte Aidan versprochen, an seiner Seite zu sein, solange er sie brauchte. Es schien keinen anderen Weg für sie zu geben als den ins Flugmobil. Auch Belmont Kaplain hatte diesen Schritt selbstverständlich von ihr erwartet. In seinen Augen war sie es, die diese Idee an ihn herangetragen hatte. Sie war es gewesen, die den geheimen Gründungsvertrag der Nord-Union in sein Haus gebracht hatte. Und nur das hatte den Angriff der Systemagenten verursacht.

     Das schlechte Gewissen lastete zentnerschwer auf Nell. Ihre oberflächliche Kontrollrunde durch Belmonts Büro erschien ihr im Nachhinein lächerlich. Sie hatten es mit dem System zu tun. Das hatte sie gewusst und war dennoch nachlässig gewesen. Und das, obwohl sie geahnt hatte, dass etwas nicht stimmte. Wahrscheinlich war die Brandbombe eine winzige, hoch entwickelte Vorrichtung gewesen, die vielleicht einfach unter Belmonts Schreibtisch angeklebt worden war. Natürlich hatte sie Nell bei ihrem kurzen Blick in den Raum nicht auffallen könne.

     Die ernüchternde Wahrheit war, dass alles nicht passiert wäre, wenn sie besser aufgepasst hätte. Im Monoismus lebte man im Moment, am Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Früher waren alle Reize neutral durch ihren Kopf gespült worden. Ihre Wahrnehmung war klar und wach gewesen. Nichts war damals ihrer Aufmerksamkeit entgangen. Jetzt trübten Gefühle ihre Sicht auf die Dinge – hielten sie davon ab, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

     Sie schreckte hoch, als aus dem Lautsprecher im Kopfteil ihres Sessels eine männliche Stimme erklang: „Wir gehen bald in den Landeanflug über. Vorher möchte ich ein paar wichtige Ansagen machen und bitte daher um eure Aufmerksamkeit.“

     Nell ließ ihren Sessel in aufrechte Position gleiten, um den Sprecher besser sehen zu können – einer der beiden grau gekleideten Herren, der sich im Gang zwischen den Sitzreihen postiert hatte und über ein Headset zu ihnen sprach. Alles an ihm wirkte durchschnittlich – seine Größe, sein schmales Gesicht, seine nach hinten gekämmten braunen Haare. Er hatte einen Arm auf dem Sitz neben sich abgelegt und fuhr mit der freien Hand beim Sprechen durch die Luft. „Ich weiß, die meisten von euch waren schon einmal im System, aber damit nichts schiefgeht, fasse ich das Prozedere noch einmal zusammen.“ Er sprach leise, aber mit festem Ton, der verriet, wie gewohnt er es war, dass seine Befehle umgehend und ausnahmslos befolgt wurden. „Um uns gegenseitig vorzustellen, werden wir noch ausreichend Gelegenheit haben, wenn wir unsere Botschaft erreichen“, erklärte er. „Bevor wir gleich landen, müsst ihr euch alle umziehen. Die Systemgarderoben befinden sich in einem Seitenfach an euren Sitzen. Da wir nicht kategorisiert sind und für alle im System als Außenstehende erkennbar sein sollen, tragen wir keine der drei üblichen K-Farben – Rot, Grün oder Blau. Unsere Garderoben sind daher in neutralem Weiß.“ Er hielt kurz inne, um den Sitz seines Mikrofons zu prüfen. „Nach der Landung“, fuhr er dann fort, „werden wir nach dem neuen gelockerten Einreiseverfahren nur eine Blutprobe abgeben müssen.“ Sein Blick traf Nell und er fuhr fort. „Unsere höchste Priorität liegt darin, dass niemand auf Nell aufmerksam wird. Wie wir alle wissen, ist sie der Zwilling der Ministerin für Gesellschaftliche Aufklärung im System. Sie wäre sogar die rechtmäßige Ministerin, da sie und ihre Schwester, die eigentlich Julianne heißt, durch ein Täuschungsmanöver verwechselt wurden.“ Indem er den Blickkontakt zu ihr hielt, wandte er sich nun direkt an sie: „Du musst versuchen, niemandem ins Gesicht zu sehen. Das ist im System nicht besonders schwer, da Blickkontakt ohnehin vermieden wird. Wir können also hoffen, dich unbemerkt durch die Kontrollen zu bekommen. Ich werde dich als meine Assistentin Ana Bell ausgeben. Da du laut der Systemdatenbanken nicht existierst, wird es ihnen nicht einfallen, dein Blut in einem ihrer Instant-Scanner zu testen. Es wird zusammen mit unseren Proben einer genauen Analyse unterzogen. Das dauert mindestens eine Stunde. Da unsere Proben separat von denen der Systembürger abgespeichert werden, gehen wir davon aus, dass du auch danach nicht auffliegst. Falls doch eine Übereinstimmung festgestellt werden sollte, müssen wir uns bereits in der Botschaft befinden, um dich dort verstecken zu können. Alles hängt also davon ab, dass du nicht zu schnell erkannt wirst.“

     Nur mit einem minimalen Nicken deutete Nell an, dass sie verstanden hatte.

     Eine der beiden Frauen weiter hinten im Flugzeug fragte jedoch mit erhobener Stimme: „Was machen wir in dem Fall, dass sie doch am TransferPoint erkannt wird?“

     „Das müssen wir anhand der Umstände entscheiden“, antwortete der Sprecher im grauen Anzug. „Plan A sieht vor, dass wir diejenigen, die Verdacht schöpfen, möglichst unauffällig beseitigen und uns direkt zu den Fahrzeugen begeben. Das wäre eure Aufgabe.“ Er nickte den drei kurz geschorenen Personen zu. „Plan B besagt, dass wir augenblicklich zum Flugmobil zurückkehren und die Flucht ergreifen. Die Tankfüllung reicht nicht mehr für den Rückflug. Unsere Route würde uns dann in die Republik des Südens führen.“ Er verzog kurz den Mund, als stießen beide Optionen nicht auf seine Zustimmung. „Hoffen wir, dass es so weit nicht kommt.“ Sein Blick glitt durch die Runde. „Wir werden alle mit unseren richtigen Namen und Berufsbezeichnungen einreisen. Aidan und Tobin, ihr gebt euch als Auszubildende aus – Aidan im Bereich Sicherheit. Halte dich also an meinen Kollegen Kelvin Baker.“ Er deutete auf den zweiten Mann im grauen Anzug, der Aidan nur einen kurzen Blick über die Schulter zuwarf. „Tobin, du hältst dich als Auszubildender im Diplomatischen Dienst an Hester“, fuhr der Mann fort. „Gibt es sonst noch Fragen?“

     Da sich niemand meldete, ordnete der Mann an, dass sich nun alle umziehen sollten.

     Nell ließ in einer der recht geräumigen Badezimmerkabinen im hinteren Teil des Flugmobils den fließenden Stoff der Systemgarderobe durch ihre Finger gleiten, ehe sie die bequeme Hose und das Oberteil überstreifte. Der Ausschnitt und der schmale Stehkragen fühlten sich vertraut und gleichzeitig fremd an – als gehöre diese Kleidung in ein anderes Leben.

     Einen Augenblick lang betrachtete sie sich im Spiegel, der von kleinen Leuchtdioden gesäumt war. Ihre Haut war blass, schien sich kaum von dem weißen Material abzuheben. Ihre schwarzen Haare, die ihr offen über die Schultern fielen, bildeten einen scharfen Kontrast dazu. In ihren grünen Augen schien die Verletzlichkeit zu schwimmen, die sie seit dem Anschlag so beängstigend empfand.

     Entschlossen beugte sie sich vor, um sich mit den Händen heißes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Mit einem weichen Handtuch rieb sie sich fester trocken, als nötig gewesen wäre, um etwas Farbe in ihr Gesicht zu bringen. Dann drehte sie sich um und verließ mit erhobenem Kopf das Bad.

     Es war noch nie ihre Art gewesen aufzugeben. Sie würde es auch jetzt nicht tun. Falls sie Julianne oder Jake begegnete, würde sie nicht davor zurückschrecken, ihnen in die Augen zu sehen.

     Als das Flugmobil eine gute halbe Stunde später auf der Landebahn des TransferPoints von Uss‘el aufsetzte, befand sich Nell wieder mitten im System. Ihr wurde der Brustkorb eng, weil sie sich der allgegenwärtigen Kameras nur zu bewusst war. Bereits nach den ersten Schritten würden sie sich wieder auf sie richten, ihr Gesicht und jede ihrer Bewegungen einfangen und damit ihre Mission von der ersten Minute an bedrohen. Hier war sie eine Kopie der Ministerin, die es nicht geben durfte. Mehr nicht. Ihr Herzschlag flatterte. Sie verstand sich selbst nicht. Einerseits wollte sie endlich Gewissheit, andererseits hatte sie Angst davor. Was würde sie finden? Sie war in dieser Welt aufgewachsen. Es war ihr Leben gewesen. Was blieb ihr, wenn all das Lug, Trug und Manipulation gewesen war?

     Aidan drängte sich ein wenig grob an ihr vorbei. Sein Blick war entschlossen nach vorn gerichtet, als er auf den Ausgang zustrebte. Ihn hielten keine Ängste zurück. Ihn trieb der Wunsch, seine Familie zu retten – und vielleicht sein Durst nach Vergeltung.

     Nell hatte ihm versprochen, an seiner Seite zu sein. Langsam und kontrolliert atmete sie aus. Früher hatte sie einfach funktioniert. Und das würde sie auch wieder können. Die Bombe mochte sie kurz von den Füßen gerissen haben, aber jetzt musste sie sich auf die Aufgaben vor ihr konzentrieren. Sie schloss kurz die Augen und mit purer Willenskraft legte sie ihre Selbstbeherrschung wie einen Panzer um die in ihr widerstreitenden Gefühle. Sie musste nichts davon empfinden. Sie konnte sich davon abgrenzen, ihre Schotten dichtmachen und funktionieren. Als ihr auf der gleißend weißen Fläche der Landebahn der frische Wind entgegenblies, war sie innerlich ruhig. Alle Empfindungen, die erst vor kurzer Zeit im Getto in ihr erwacht waren, hatte sie tief in sich verschlossen. Sie fühlte nicht einmal die kühle Luft auf ihrer Haut.

 

Die Botschaft der Freien Staaten war ein hochaufgeschossenes Gebäude nahe dem Zentrum von Amstedanum. Von der Hochstraße, die sich in mehreren Schlingen durch die Stadt windete, führte eine Rampe direkt auf den Parkplatz auf dem Dach. Nur vereinzelte Fahrzeuge standen hier verteilt in ihren Ladestationen. Er hatte geglaubt, wenn er schnell genug hier wäre, hätte er diesmal vielleicht eine Chance, dass sie ihm halfen. Schließlich war – soweit er wusste – noch keine Fahndung nach ihm rausgegangen und er hatte Freunde im Westen.

     Der Haupteingang zur Botschaft führte durch Glasschiebetüren in eine hinter dem Parkplatz hochgezogene Eingangshalle.

     Mittlerweile saß Jake draußen neben den Glastüren und dem Botschaftsschild an die Mauer gelehnt auf dem Boden und hatte die Knie angezogen. Er blinzelte in die wärmende Frühlingssonne. Ragan lag neben ihm und betrachtete ihn abwartend, als wisse er, dass hier auszuharren nicht die Lösung ihres Problems war.

     Doch Jake konnte sich nicht entschließen, was er tun sollte, nachdem er wieder in der Botschaft abgewiesen worden war. Hester, nach dem er zuerst gefragt hatte, war bereits vor Monaten in die Freien Staaten zurückgekehrt. Von der dünnen Frau mit der fast durchscheinenden Haut, die jetzt den Empfang bediente, war er mit der Information abgespeist worden, dass der Botschafter derzeit für niemanden zu sprechen sei.

     „Sie verstehen nicht“, hatte Jake auf sie eingeredet. „Es ist wichtig. Ich habe Freunde im Westen. Hester kennt mich.“ Aber sie hatte nur gedroht, ihn anzuzeigen, wenn er nicht sofort verschwand. „Wir erwarten wichtigen Besuch“, hatte sie ihm erklärt. „Komm an einem anderen Tag wieder.“

     Seitdem war über eine halbe Stunde vergangen, in der Jake tatenlos auf dem Parkplatz herumsaß. Aktuell schien man in der Botschaft nicht zu wissen, dass er gesucht wurde. Daher würde es sicher kaum Straßensperren geben. Noch hatte Jake eine Chance, zu der Höhle zu entkommen, auf die er im Grenzland gestoßen war. Wenn er sofort aufbrach, konnte er in gut sechs Stunden da sein.

     Obwohl er wusste, dass es ein Fehler war, gelang es ihm nicht, sich durchzuringen und loszufahren. Denn wenn er jetzt ging, würde er die vielleicht letzte Möglichkeit vertun, Nell wiederzusehen. Ragan und ich, wir finden dich überall, waren seine letzten Worte an sie gewesen. Er hatte es ihr versprochen. Und er wollte bestimmt nicht den Rest seines Lebens allein in einer Höhle verbringen.

     Resigniert ließ er den Blick über die verhassten weißen Mauern ringsum gleiten. In langen Ketten surrten die E-Mobile auf der Hochstraße vorbei. Der wolkenbetupfte Himmel verdüsterte sich von Westen her.

     Zwei E-Mobile lösten sich aus der Fahrzeugkette, scherten auf den Verzögerungsstreifen aus und glitten kurz darauf die Rampe zum Parkplatz herab. Ob das der Botschafter war? Vielleicht würde er ihn sogar wiedererkennen.

     Jake verlor die beiden Wagen aus dem Blick, als sie hinter einem der bereits geparkten Fahrzeuge in zwei Ladestationen andockten. Vorsichtig rutschte er dichter an das nächste E-Mobil heran und richtete sich langsam dahinter auf.

     „Bleib“, flüsterte er Ragen zu, der die Beine unter die Hinterhand gezogen hatte, die Nase in den Wind hielt und die pelzigen Ohren spitzte.

     Die Türen der neu eingetroffenen Fahrzeuge zogen sich beinahe gleichzeitig nach oben hoch, ungefähr zwanzig Schritte von ihm entfernt. Als Erstes stieg ein Mann vielleicht Mitte vierzig mit einem schmalen, unauffälligen Gesicht aus. Jake zuckte zusammen und duckte sich augenblicklich, als Julianne hinter ihm aus dem Wagen kletterte. Was machte sie hier? War sie der Besuch, der erwartet wurde? Wollte sie sich persönlich versichern, dass jeder in der Botschaft sein Fahndungsbild kannte? Selbst wenn sie Jake nicht sofort entdeckte, würde die Frau am Empfang ihr umgehend mitteilen, dass er noch kurz zuvor in der Botschaft gewesen war.

     Er saß in der Falle. Mit Ragan zusammen war er zu auffällig. Sie würden ihn entdecken. Mühsam unterdrückte er ein Fluchen. Warum hatte er auch so lange gezögert? Das Schild verdeckte ihn nur notdürftig. Panisch irrte sein Blick über die glatten Wände der Empfangshalle und die verstreut parkenden Fahrzeuge, zwischen denen es keine Deckung gab. Seine einzige Chance bestand darin, schnell zu sein, sich eines der E-Mobile zu schnappen und damit die Flucht zu versuchen.

     In diesem Augenblick stieß Ragan neben ihm ein aufgeregtes Fiepen aus und sprang auf. Jake wollte ihn noch packen, aber der Hund schoss davon. Gleich darauf erklang sein ausgelassenes Bellen. Entgeistert starrte Jake auf den Punkt, an dem sein Hund eben noch gestanden hatte. Er erinnerte sich nur an ein einziges Mal, dass Ragan ihm davongelaufen war: als er Nell im letzten Herbst im Wald oberhalb des Jägerlagers getroffen hatte.

     Die Erkenntnis jagte so elektrisierend durch seine Glieder, dass er für einen Augenblick vollkommen erstarrte. Erst jetzt registrierte er, dass etwas an Julianne anders gewesen war. Er blinzelte, aber das Bild, das sich ihm bot, blieb.

     Ragan hatte seine Vorderpfoten um ihre Hüften geschlungen, klammerte sich fest und schnappte glücklich nach ihren Händen. Statt Dunkelblau trug sie heute Weiß. Doch als Jake genauer hinsah, hätte er auch so gewusst, dass er nicht Julianne vor sich hatte. Ihre Haltung war aufrecht und frei von den kleinen, hektischen Bewegungen, die Julianne manchmal unterliefen. Ihre Hände hatten wie selbstverständlich in Ragans dichtes Nackenfell gegriffen. Die ständige Präsenz, die sie ausstrahlte, hatte Jake bei ihrer Schwester nie gesehen. Ihr Blick suchte den Parkplatz ab und heftete sich schließlich auf ihn. Nichts regte sich in ihrer Miene.

     „Ist das Ragan?“ Eine männliche Stimme, die Jake nicht zuordnen konnte, hatte gesprochen. Mittlerweile waren hinter Nell weitere Personen aus den beiden Fahrzeugen gestiegen. Jake blinzelte erneut, versuchte, sich zu konzentrieren. Aidan und Tobin standen neben Nell und ihren Begleitern und hatten überrascht die Hände nach dem Hund ausgestreckt, während sie sich suchend umsahen.

     Nell schob Ragan mit einer entschlossenen Geste von sich und er sprang stattdessen mit einem glücklichen Winseln an Aidan hoch.

     „Wem gehört dieser Hund?“, verlangte der Mann zu wissen, der zuerst ausgestiegen war.

     Sie ignorierte den Mann. Der Wind fuhr in ihre dunklen Haare, ließ sie wie einen Schleier aufwehen. Wie in Zeitlupe hob sie eine Hand, um sich die langen Strähnen hinters Ohr zu schieben. Immer noch sah sie ihn unverwandt an, während die Erkenntnis, dass sie es wirklich war, langsam in sein Bewusstsein vordrang. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Sein Blut summte ihm in den Adern. Dieses Gefühl hatte nur sie in ihm ausgelöst, dieses Verlangen, ihr ganz nah zu sein. Wie sie hierhergekommen war, warum sie und die anderen zurückgekehrt waren, interessierte ihn in diesem Augenblick nicht. Wichtig war nur, dass sie endlich wieder vor ihm stand und er dieses Glück kaum fassen konnte.

     Endlich bewegten sich ihre Lippen – tonlos. Doch Jake wusste, dass sie seinen Namen gesagt hatte. Ohne zu zögern, richtete er sich auf und setzte sich in Bewegung. Mit nur wenigen Schritten überwand er die Distanz zwischen ihnen, schlang die Arme um sie und zog sie an sich.

     „Nell“, flüsterte er nur. Mit der Berührung kehrte so viel so plötzlich zu ihm zurück. Nachdem er die ganze Zeit über gegen die Erinnerungen angekämpft hatte, ließen sie sich nun nicht mehr aufhalten, in Sekundenschnelle drangen sie auf ihn ein: das wasserfallartige Gefühl ihres ersten Kusses, der Herbstduft des Waldes, die Wärme ihres Körpers, der Schmerz, sie loslassen zu müssen. Er atmete tief ein, und obwohl ihr Geruch sich verändert hatte, vielleicht herber geworden war, erinnerte er ihn immer noch an das kühle, frische Wasser des Nebelsees.

     Erst nachdem er all diese Dinge registriert hatte, wurde ihm bewusst, dass sie vollkommen starr war in seinem Arm. Langsam ließ er sie los. Vielleicht konnte sie es so wenig glauben wie er selbst.

     „Wer, um alles in der Welt, ist das?“, verlangte der Mann mit dem Durchschnittsgesicht zu wissen.

     Jake ignorierte ihn. „Julianne hat herausgefunden, wer ich wirklich bin. Sie wird bestimmt bald Sicherheitskräfte herschicken.“

     „Von wem sprichst du?“, fragte ihn der Mann. „Von der Ministerin für Gesellschaftliche Aufklärung?“

     „Wie bist du hierhergekommen, Nell?“ Noch immer gelang es Jake nicht, sich auf irgendjemanden außer ihr zu konzentrieren. Ganz langsam begriff er jedoch, dass ihre angespannte Körperhaltung nicht allein von dem Schock herrühren konnte, ihn hier so unvermittelt wiederzusehen. Er sah ihr forschend in die Augen – von ihrer ausbleibenden Reaktion verunsichert. Das helle Grün wirkte kühl, seltsam leer. Hatte sie überhaupt ein Mal geblinzelt?

     „Kennst du ihn?“, ging der Mann energischer dazwischen, indem er Nell am Arm fasste. „Wer ist das? Kann mich endlich mal jemand aufklären?“

     „Nein.“ Es war das erste Wort, das sie sprach. Mit einer ebenso kurzen Bewegung befreite sie sich aus dem Griff des Mannes. „Ich kenne ihn nicht. Das ist eine Verwechslung.“

     Entgeistert starrte Jake sie an. Einen Moment lang sah er in ihre Augen wie in einen Abgrund. Was hatte sie da gerade gesagt? Doch noch während er versuchte, ihren Blick festzuhalten und nur eine der tausend Fragen zu formulieren, die ihm in den Kopf schossen, wandte sie sich ab und ging mit schnellen Schritten auf die Glastüren zur Empfangshalle zu. Was passierte hier? Fassungslos sah Jake ihr nach.

     „Aber ich kenne ihn“, erklang in diesem Moment eine feste Stimme, und als Jake sich umdrehte, war Aidan einen Schritt vorgetreten. „Er ist mein Bruder.“

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