Twins 2 – Der Verrat

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Prolog

Vor Nell ließ er sich auf ein Knie herab und fasste sie unters Kinn. »Mund öffnen«, befahl er und kontrollierte mit geübtem Blick den Zustand ihrer Zähne. An den Haaren zog er ihren Kopf nach hinten und sah ihr einen Moment lang in die Augen. Sie blinzelte nicht.

Schließlich ließ er sie los und richtete sich wieder auf, zog an ihren in der Kette gefesselten Händen und probierte die Beweglichkeit ihrer Finger.

Dann blieb er einen Augenblick vor ihr stehen und fuhr sich mit der Hand in den Nacken. »Diese hier gefällt mir«, erklärte er schließlich.

Erster Teil

Sie führten ein Leben in Freiheit

in einer Welt ohne Ordnung.

In jedem Augenblick war mit dem Unvorhersehbaren

zu rechnen.

Kapitel 1

Die Wagen schwankten auf dem unebenen Gleisbett. Die müden Körper der Arbeiter stießen gegeneinander. Krampfhaft hielten sie sich in den Halteschlaufen fest. Die Luft war kalt, aber verbraucht und ließ sich kaum atmen. Sie spürte, wie die Bremsen zugriffen und drängte sich in Richtung Tür. Sie schob sich vorwärts, als der Zug in der Station zum Stillstand kam, schlängelte sich zwischen den schubsenden Menschen hindurch und beschleunigte auf dem Bahnsteig ihre Schritte. Rasch lief sie die Treppen in die Unterführung hinunter. Jemand hustete hinter ihr und ihre Rückenmuskulatur verspannte sich. Ein hastiger Blick über die Schulter beruhigte sie jedoch. Es waren nur Arbeiter wie sie.

In der Unterführung stank es nach Urin. Unauffällig machte sie einige Schritte seitwärts, als sie eine große Gestalt mit über die Stirn fallender Kapuze auf sich zukommen sah. Wahrscheinlich schützte der Mann sich nur gegen die Kälte, aber man konnte nie wissen.

Sie war zu dicht an den fleckigen Beton der Unterführung geraten. Eine Hand umklammerte ihr Fußgelenk, eine heisere Stimme bettelte um Geld. Mit einer kräftigen Bewegung schüttelte sie die Hand ab. »Ich habe Hunger.« Die Stimme des Mannes, der in einem Schlafsack auf dem feuchten Boden lag, hallte über den vorbeieilenden Schritten in der Unterführung wider. Nicht nur du.

Die eisige Kälte auf der Straße durchdrang mühelos den dünnen ausgeblichenen Stoff ihres ehemals grünen Overalls. Hastig schlang sie den langen Wollschal mehrfach um ihren Hals und zog die Ärmel über ihre Hände, aber der scharf durch die Straßenschluchten pfeifende Wind drang wie mit spitzen Nadeln tief unter ihre Haut.

Hupend und mit lauten Motoren quälte sich der dichte Verkehr über die Straßen. Zwischen den dicht stehenden Fahrzeugen überquerte sie die Hauptstraße und gelangte nach einigen Biegungen in eine von hohen Backsteinbauten eingefasste Straße. Sie wich aufgeplatzten Müllsäcken und öligen Pfützen aus und erreichte schließlich ihren Hauseingang. Mit der Schulter warf sie sich gegen die schwere Tür. Die Mühe, den Fahrstuhl zu probieren, sparte sie sich. Meistens funktionierte er nicht, und wenn er sich doch in Bewegung setzte, war zu befürchten, dass er irgendwo hängen blieb. Immer mehrere Stufen auf einmal nehmend überwand sie Treppenabsatz um Treppenabsatz.

Der Schlüssel hakte im Schloss. Sie zog am Knauf, doch die Tür ließ sich nicht öffnen. Sie klopfte nachdrücklich, hoffte, dass die anderen nicht zu tief schliefen. Kurz darauf hörte sie, wie drinnen die beiden Ketten entfernt und der Eisenbügel zur Seite geschoben wurden.

»Nell, was ist los? Wo ist die Jacke?« Aidan trug auch in der zugigen Wohnung Schal, Wollpullover und mehrere Paar Socken.

»Einer der Kollegen muss entschieden haben, dass er sie dringender braucht als ich«, gab Nell zurück, während sie hineindrängte.

»Wurdest du verletzt?« Besorgt griff Aidan nach ihrer Hand.

Ungeduldig machte Nell sich los. »Nein, als ich nach draußen kam, war mein Fach aufgebrochen.«

»Du bist eiskalt«, stellte Aidan besorgt fest. »Ich koche dir einen Tee.«

Nell versuchte nicht, ihn aufzuhalten. Die Kälte und der Schmerz saßen zu tief in ihren geschundenen Knochen, um daran zu denken, dass sie es eigentlich nicht mochte, wenn er sich um sie kümmerte. Stattdessen suchte sie in der Küchenzeile schräg gegenüber der Eingangstür nach etwas Essbarem. Das billige Pressholz war dunkelrot lackiert und eins der wenigen Dinge, die sich bei ihrem Einzug vor drei Monaten bereits in der Wohnung befunden hatten. Erleichtert griff sie nach einer Packung Nudeln und stellte einen Topf auf die zerkratzte Herdplatte.

»Erdbeertraum«, las Aidan die Aufschrift auf der Teepackung vor. »Ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, aus Erdbeeren Tee zu kochen.«

»Sie nehmen keine echten Erdbeeren«, erinnerte Nell ihn. »Es sind nur Aromastoffe. Gibt es keinen anderen?«

Aidan kramte noch eine Weile in dem Regalfach. »Ich glaube, diese Sorten hat Hester uns besorgt«, meinte er. »Das meiste ist Früchtetee.«

Sie beobachtete ihn einen Moment lang. Er trug seine Haare kürzer, seit sie hier waren, und rasierte sich besser. Trotz der glatteren Züge wirkte er älter – oder vielleicht erwachsener.

»Minze und Zitrone?« Sie fing seinen fragenden Blick auf und gleich darauf sein kurzes Lächeln, als sie nickte. Seine Augen wirkten dunkler, fiel ihr auf. Das Grübchen in seiner Wange schien wie verblasst. Er wirkte so fehl am Platz in diesem kahlen Zimmer. Ans Lagerfeuer gehörte er, zwischen seine Familie, oder auf den Rücken eines Pferdes, die blonden Haare zerzaust vom Wind, der nach Wildblumen und Baumharz duftete. Es passte nicht zu ihm, Wasser mithilfe des elektrischen Wasserkochers zu erhitzen. Andererseits waren sie wohl alle fehl am Platz in dieser Welt. Nell blockte die Bilder mit einem Wimpernschlag aus und in ihrem Kopf wurde es dunkel, als hätte sie das Licht ausgeknipst.

»Wo ist Tobin?«, wollte sie wissen, während sie ihre blau gefrorenen Finger über das sich langsam erwärmende Wasser im Topf hielt.

Aidan warf ihr einen ungeduldigen Blick zu. »Der liegt im Bett und tut, als schliefe er.«

Nell sah auf die an der Wand tickende Uhr – ein rundes Zifferblatt, das sie nur schwer lesen konnte. Der kleine Zeiger kroch auf die acht zu. »Seine Schicht fängt in einer Stunde an.«

Aidan hob die Schultern. »Mich ignoriert er. Versuch du dein Glück.«

Nell wandte sich vom Herd ab und öffnete die Tür des schlauchartigen Zimmers, in dem sie schliefen. Zwei Matratzen füllten den schummrigen Raum komplett aus. Die Luft war so abgestanden, dass ihre Lungen sie herauswürgen wollten. Hustend streifte sie ihre Schuhe ab und stieg über Tobins zusammengerollte Gestalt hinweg. Energisch zog sie die Gardine zur Seite und öffnete das Fenster.

Tobin rührte sich nicht. Er hatte sein Gesicht in der Armbeuge vergraben – wie meistens, wenn sie versuchten, ihn zum Aufstehen zu bewegen.

»Tobin?« Nell kniete sich neben ihn und rüttelte ihn an der Schulter. »Du musst zur Arbeit.«

Statt einer Antwort zog er die Decke fester um sich.

»Los, steh auf«, verlangte Nell. »Du weißt, wir brauchen das Geld.«

»Lass mich in Ruhe, Nell«, protestierte er. »Mir geht es nicht gut.«

»Das ist kein Wunder, wenn du den ganzen Tag in diesem gammligen Zimmer liegst.« Sie fröstelte in der kalten Luft. Aus der Ferne drang wie eine Wolke aus Lärm das Dröhnen des Verkehrs herein – das Rauschen des Blutes in den Adern der Stadt. »Komm schon, Tobin, steh auf. Ich koche Nudeln. Wir können noch zusammen essen.«

»Ich will nichts essen«, murmelte er.

Nell wartete, beobachtete ihn einen Moment lang und zog schließlich eine weitere Decke über ihn. »Ich lasse das Fenster noch einen Moment offen.« Sie zögerte, strich ihm sacht über die stoppelige Wange, ehe sie zur Tür ging und sie leise hinter sich schloss.

Aidan streckte ihr den dampfenden Teebecher entgegen.

»Ich mache mir Sorgen um ihn.«

»Ich mache mir Sorgen um unsere Miete«, entgegnete Aidan, der ihr einen dampfenden Becher reichte.

Dankbar schlossen sich ihre Finger darum. »Haben wir sie noch nicht zusammen?«

Wortlos griff Aidan nach der Blechbüchse, die sie hinter dem Wasserkocher und dem Abtropfgitter notdürftig versteckten. Kurz zählte er durch. »Uns fehlt noch fast ein Drittel.«

Nell rührte in den Nudeln, die Aidan bereits ins Wasser gegeben hatte. »Eingekauft haben wir. Wenn wir sparsam sind, sollte es reichen bis zum Monatsende, aber ohne Tobins Job wird es trotzdem knapp. Und wenn er heute wieder nicht auftaucht, fliegt er raus.«

Mit einem Blick auf die Uhr bückte Aidan sich kurz entschlossen nach seinen Schuhen. »Ich übernehme seine Schicht.«

Sie drehte sich zu ihm um. »Du hast doch heute schon zehn Stunden gearbeitet.«

Aidan konzentrierte sich darauf, seine Schnürsenkel zuzubinden. »Tobins Job ist besser bezahlt als meiner«, sagte er. »Wenn wir einen verlieren, besser nicht diesen.«

Nell nahm den Topf mit den Nudeln vom Herd. »Ich nehme Tobin morgen mit ins Werk. Kurz vor Schichtende wurde heute einer rausgeworfen und noch nicht ersetzt. Dort kann ich auf ihn aufpassen.«

Aidan nickte. »Einen Versuch ist es wert.« Er stand schon an der Tür, als er sich noch einmal umsah. »Schließ hinter mir ab. Ich klopfe, wenn ich zurückkomme.«

Das Tropfen des Wasserhahns überlagerte sich mit dem gleichmäßigen Ticken der Wanduhr über der Spüle, als Nell einen Augenblick in der Stille verharrte und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, sich fragte, ob sie jemals wieder so funktionieren würde wie früher.

Der Schlaf schien sie nicht loslassen zu wollen. Doch das Klopfen war so nachdrücklich, dass Nell sich zwang, die Augen zu öffnen. Tobin murmelte nur vor sich hin. Sie tastete sich in ihre Decke gewickelt durch die finstere Wohnung zur Tür, kniff die Augen zusammen, als sie das Licht einschalten musste, um die Schlösser zu öffnen.

Aidan sah müde aus – bleich und mit Schatten unter den Augen. Er lächelte jedoch. »Der Fahrer des Gabelstaplers hat eine ganze Palette Gläser gegen die Wand gefahren.«

Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen. »Ist das gut?«

»Ja.« Erst jetzt bemerkte Nell, dass Aidans Kleidung durchweicht war vom Regen. »Denn der neue Gabelstaplerfahrer bin ich – bei besserem Gehalt und kürzerer Schicht.«

»Dann muss ich nur noch Tobin dazu bringen, heute mit ins Werk zu fahren und unsere Miete ist gesichert.« Erfreut berührte Nell seinen Arm. »Gut gemacht.«

Aidan verschwand in dem winzigen Badezimmer, um heiß zu duschen. Nell hörte ihn fluchen, als der Warmwassergriff schon wieder aus der Fassung fiel. Seufzend stellte sie mit einem Blick auf die Uhr fest, dass es sich nicht lohnte, noch einmal ins Bett zu kriechen: Es war schon kurz vor sechs. Stattdessen beschäftigte sie sich damit, Tee zu kochen und in der Pfanne Toast mit Schinken und Käse zu überbacken. Die Müdigkeit vibrierte in ihren Gliedern. Ohne ein anständiges Frühstück würde sie den Tag kaum durchstehen. Aidan lud sich dankbar den Teller voll, als er wieder aus dem Bad kam, und setzte sich auf einen der wackeligen Metallstühle an den Resopaltisch – die einzige Sitzmöglichkeit in ihrer Wohnung.

Nell ging in den Nebenraum und zog Tobin ruckartig die Decke weg. »Es gibt Frühstück«, begrüßte sie ihn und griff gleichzeitig nach seinem Arm. »Los, aufstehen.« Tobin versuchte, sich von ihr loszumachen, aber Nell ließ nicht locker. »Die Miete zahlt sich nicht von allein.«

»Zu Hause mussten wir niemanden fürs Wohnen bezahlen«, murrte Tobin, ehe er ins Bad torkelte.

Zu Hause, dachte Nell. Sie konnte sich vorstellen, was dort los gewesen wäre, wenn Tobin tagelang im Bett gelegen hätte. Als er aus dem Bad kam, bugsierte sie ihn an den Tisch.

»Ich habe keinen Hunger«, verkündete er erwartungsgemäß. Er war abgemagert, wirkte ungepflegt mit den hellen Bartstoppeln am Kinn und den rot geränderten Augen. Seine hellblonden Haare waren an der linken Kopfseite platt gelegen. Nell wandte den Blick ab, entdeckte sich selbst im Spiegel des kleinen Fensters, gegen das sich die dunkle Nacht presste. Sie alle wirkten blass und schmal und fremd in dem kargen Zimmer. Es fiel ihr selbst so schwer – das frühe Aufstehen in der Dunkelheit, die endlosen monotonen Arbeitstage, der miefige Geruch und der Dreck in jedem Winkel der Stadt. Dazu kam noch der ständige Kampf gegen ihre Erinnerungen, gegen die Macht der Gefühle, die sie zu ersticken drohten.

Früher als sonst verließ sie mit Tobin die Wohnung, damit sie vor Beginn ihrer Schicht Zeit hatten, ihn anzumelden. Durch die kalten Straßen zog sie ihn hinter sich her zur Bahnstation.

»Es ist kalt«, kommentierte er. »Zu Hause habe ich nie so gefroren.«

»Natürlich hast du das«, widersprach Nell, »jeden Winter.«

»Wenigstens hatte ich warme Kleidung«, murrte Tobin.

Vor allem hattest du deine Familie, dachte Nell. Er fühlte sich einsam und trauerte. Das war es, was ihn die Kälte so viel beißender spüren ließ. Das Licht der Straßenlaternen hing wie in feinen Tröpfchen gefangen neblig zwischen den Hochhäusern. Die Nässe auf den Straßen glitzerte. Die grellen Scheinwerfer der Fahrzeuge scheuchten sogar Tobin aus seiner Lethargie und im Zickzack über die Straße. Am Gleis wickelte Nell ihm seinen Schal fester um den Hals. Er schlurfte ihr nach, als der Zug vor ihnen hielt. Denn zwischen den Millionen Menschen in dieser überbevölkerten Stadt kannte er nur sie.

Das Werk hatte seine eigene Bahnstation. Sie mussten eine Treppe hinunter und eine Schranke passieren, indem Nell ihren Arbeiter-Code eintippte. Der graue Asphalt, der das gesamte Gelände bedeckte, streckte sich vor ihnen aus, während sie auf die drei riesigen quaderförmigen Hallen zuhielten. Gigantische Schlote erhoben sich aus dem mittleren Gebäude, das leicht zurückgesetzt zwischen den anderen stand. Da sie zu früh waren für den Schichtwechsel, fuhren keine Shuttle-Busse und sie mussten den Weg zum Meldebüro zu Fuß gehen – über einen Kilometer durch den feinen Nieselregen. Die Registrierung ging dann jedoch sehr schnell. Tobin nannte seinen Namen und Adresse, erhielt einen Code sowie eine gelangweilte Sicherheitsanweisung. Nell verstaute ihren Schal mit in seinem Schließfach, weil das Schloss an ihrem noch vom letzten Aufbruch kaputt war. Wie von einer Welle wurden sie anschließend vom Eintreffen ihrer Schicht überrollt. Hunderte von Menschen strömten auf der Suche nach ihren Schließfächern durch die engen Gänge. Rasch führte Nell Tobin über schwach beleuchtete Wege zu ihrem Arbeitsplatz. Die riesige Halle öffnete sich unvermittelt vor ihnen. Nur die Förderstraße, an denen die Fahrzeuge zusammengeschraubt wurden und die sich in mehreren Schlaufen durch die Halle wand, war hell erleuchtet. Die Schicht wechselte, indem die Arbeiter-Codes in die Paneele am entsprechenden Abschnitt der Förderstraße eingegeben wurden.

»Wenn du die Schrauben nicht schnell genug eindrehst, kannst du das Band stoppen«, erklärte Nell Tobin hastig und deutete auf die rote Taste am Paneel. »Ab morgen sollte dir das nicht öfter als einmal pro Schicht passieren, sonst schmeißen sie dich gleich wieder raus.«

Seine Augen huschten durch die Halle, versuchten zu begreifen, was sich vor ihm auftürmte. Nell und Tobin befanden sich fast am Ende der Förderstraße und mussten die Räder an den Photon-Fahrzeugen anziehen – Nell auf der linken, Tobin auf der rechten Seite. Der größte Teil der Förderstraße war voll automatisiert. Das unermüdliche Zischen der hydraulischen Roboter, das Zusammenklicken der Fahrzeugteile, das Verschmelzen der einzelnen Bauteile zu einem funktionstüchtigen Wagen hingen in der Halle und trieben mit ihrer nie nachlassenden Effizienz zur Eile.

»Sechs Schrauben pro Rad«, erklärte Nell schnell. »Dreh sie erst alle rein und zieh sie danach erst fest. Wenn du es nicht schaffst, fällt es nicht gleich auf.« Sie schob Tobin auf seinen Platz. Zwölf Stunden Arbeit lagen vor ihnen. Zwölf Stunden Schrauben in die vorgesehenen Fassungen schieben, den Schraubroboter ansetzen und hoffen, dass die Windungen sofort griffen. Denn das Laufband drehte sich immer weiter und verzieh keine Fehler. Wenn irgendjemand zu langsam war und der Produktionsablauf hakte, ersetzte der Aufseher ihn durch einen derjenigen, die hoffnungsvoll vor den Werkstoren auf ihre Chance warteten.

Gleich zu Anfang musste Tobin zweimal hintereinander die Stopp-Taste drücken. Nell kletterte hinter dem Fahrzeug über das Förderband und half ihm, die Schrauben festzudrehen. Sie warf Tobin ein aufmunterndes Lächeln zu, aber er sah sie nicht an. »Du bekommst schnell ein Gefühl dafür«, versprach sie. »Du bist doch Handwerker.«

Stumm schüttelte Tobin den Kopf. »Das war ich vielleicht mal«, hörte sie ihn leise sagen, als sie auf ihren Platz zurückkehrte.

»Es ist sein erster Tag«, rief sie dem Aufseher zu, der kritisch zu ihnen herübersah. »Er kriegt es hin – kein Problem.«

Der Mann rückte seine dunkelgrüne Schirmmütze mit den leuchtenden Buchstaben PH – dem Logo des Werks – zurecht und blieb in der Nähe. Er war einer der freundlicheren Aufseher, hatte selbst jahrelang am Band gestanden, wie er Nell an einem ihrer ersten Tage erzählt hatte. Jetzt war sein Rücken kaputt und er konnte froh sein, den Aufsichtsposten bekommen zu haben. Wenn er zu großzügig war, würde es aber auf ihn zurückfallen.

Erleichtert ließ Nell ihre verkrampften Schultern kreisen, als das Band nach drei Stunden für zehn Minuten gestoppt wurde, damit die Arbeiter eine kurze Pause machen konnten. Wieder kletterte Nell über das Förderband, um sich zu Tobin zu setzen, der an seinem Platz verharrte.

»Wie soll man das den ganzen Tag durchhalten?« Er musterte Nell mit so abweisendem Blick, als sei es ihre Schuld.

Etwas rollte an ihren Füßen vorbei und Tobin bückte sich, um einen Apfel aufzuheben.

»Das ist meiner.« Der Angriff kam so plötzlich, dass Tobin gegen das Förderband geschleudert wurde. »Gib den her.«

»Er wollte ihn dir doch gar nicht wegnehmen.« Nell warf sich zwischen Tobin und den stämmigen Mann im dunkelgrünen Overall, der, seit sie hier arbeitete, am Förderabschnitt neben ihrem die Scheibenwischer montierte. In den drei Monaten hatte er kein Wort mit ihr gesprochen. Jetzt war sie bereit, ihm die Nase zu brechen, und vielleicht sah er es in ihren Augen. Denn er ließ die Arme sinken, mit denen er Tobin gepackt hielt. Der Apfel war Tobin aus der Hand gefallen. Er bückte sich erneut, um ihn dem Mann zu geben. Mit einem unwilligen Schnauben nahm er ihn entgegen. »Das war ein guter Apfel und jetzt hat er Druckstellen.«

»Dann hättest du ihn besser festhalten müssen«, wies Nell ihn zurecht.

Seine Lippen zogen sich zusammen, sodass es aussah, als blecke er die Zähne, während er Nell seinen großen Kopf entgegenschob. Die wuscheligen Haare, die sich unter seiner Mütze hervorlockten, sahen fettig aus. Irgendwie erinnerte er Nell an Darren – eine dieser unangenehmen Erinnerungen, die sie manchmal durchzuckten. »Ihr habt mir die Pause vermiest. Macht das nicht noch mal.«

Ihre Nasenspitzen berührten sich fast, als Nell ihm den Finger in die Brust stieß. »Gleichfalls.«

Ruckartig wandte er sich ab und kehrte an seinen Arbeitsplatz zurück. Ein lang gezogener Warnton kündigte an, dass die Bänder sich wieder in Gang setzen würden.

»Was sind das bitte für Leute hier?« Tobin stieß sich vom Förderband ab und griff wieder nach seinem Schrauber. Nell kletterte zurück auf ihren Platz an der Förderstraße.

Der junge Mann mit ihrer Jacke fiel Nell auf dem Weg zum Shuttle-Bus auf. Tobin schlurfte mit hängenden Schultern durch den langen dunklen Gang hinter ihr her. »Meinst du, wir werden jemals die Sonne wiedersehen?«, fragte er sie.

»Was?« Abgelenkt beobachtete sie, wie der Typ den Kragen hochschlug. Es war ein olivgrüner gefütterter Parka. Den falschen Fellkragen hatte sie erkannt, bevor ihr die aufgenähten Taschen auffielen, von denen eine ausgerissen war. Der zweite Knopf von oben fehlte.

»Die Sonne«, wiederholte Tobin. »Wenn wir morgens herkommen, ist es dunkel. Wenn wir abends rauskommen, ist es auch dunkel. Wann sollen wir jemals die Sonne sehen?«

Mit wenigen schnellen Schritten hatte Nell zu dem Mann aufgeschlossen, der nichts ahnend den schummrigen Gang entlangtrottete. Ohne zu zögern, rammte sie ihn mit der Schulter gegen die Wand, sodass er erschrocken aufschrie.

»Entschuldigung, aber du hast da was.« Er war ein wenig kleiner als sie und überrumpelt von ihrem Angriff. Ehe er an Gegenwehr denken konnte, presste sie ihre Finger rechts und links des Kehlkopfes in seinen Hals.

»Was willst du von mir?«, brachte er mühsam hervor. Die anderen Arbeiter warfen ihnen nur wenig interessierte Blicke zu und setzten ihren Weg fort. Nell verstärkte den Druck, starrte in seine wässrig blauen Augen, bis er den Blick senkte. Das war der Moment. »Du hast da was, das mir gehört«, sagte sie. »Kann das sein?«

»Ich habe die Jacke gefunden«, behauptete er. Seine Stimme war dünn vom Druck auf seine Kehle. »Ich wusste nicht, dass sie dir gehört.«

»Jetzt weißt du es«, stellte Nell ruhig fest. »Und?« Sie spürte Tobin hinter sich unruhig den Gang hinauf- und hinunterspähen.

»Ich gebe dir die Jacke zurück?«

»Gute Idee«, stimmte Nell zu. Sie lockerte ihren Griff, hielt die Jacke jedoch am Ärmel fest. Hastig schüttelte er sie sich von seinen Schultern und rannte im nächsten Moment davon, drängte sich im dünner werdenden Strom der Arbeiter vorwärts.

»Komm«, forderte Nell Tobin auf, »sonst verpassen wir den letzten Shuttle.« Erst auf dem Bahnsteig legte sie ihm die Jacke um die Schultern.

»Du bist genau wie die, weißt du das?« Seinen Kommentar ließ sie mit einem Schulterzucken an sich abprallen. Weil er selbst keine Anstalten dazu machte, fädelte sie den Reißverschluss ein und zog ihn hoch. »Ich lerne schnell.«

Die Bremsen kreischten, als der Zug hielt. Die Arbeiter strömten in die leeren Wagen. Da sie sich an der ersten Station befanden, ergatterten sie diesmal einen Sitzplatz. Nell schob Tobin ans Fenster. Sein Kopf sank zurück, und noch bevor der Zug sich in Bewegung setzte, schien er eingeschlafen. Nell zwang sich, neben ihm die Augen offen zu halten, während sich das Gefährt quietschend in die Kurven lehnte. Man musste immer achtsam sein, auf seine Sachen aufpassen und gegebenenfalls auf sein Leben. Sie konnten es sich nicht leisten, ohne Jacke zu sein. Wer wusste schon, wie lange der Winter hier noch dauerte. Und sie hatten nur noch diese eine.

Es wurde voller und stickiger im Zug und roch nach dem Schweiß der zusammengepferchten Arbeiter. Mehr und mehr Lichter flogen am fahrenden Zug vorbei. Die schwach angeleuchteten dunklen Mauern der Backsteingebäude in ihrer Wohngegend bauten sich neben ihnen auf. Die Bahn verlangsamte ihre Fahrt. Nell schob ihre Hand unter Tobins Arm, zog sanft. »Wir müssen aussteigen.«

Er schreckte hoch und Nell beobachtete, wie seine Augen sich mit etwas trübten, das vielleicht Schmerz war. Vielleicht hatte er tatsächlich so viel mehr verloren als sie. Vielleicht konnte sie das noch immer nicht ganz begreifen.

Aidan öffnete ihnen die Tür. Das Brutzeln von Eiern in der Pfanne und der Duft nach gebratenem Speck empfingen sie.

»Wie ist es gelaufen?«, wollte er sofort wissen. »Ihr habt ja die Jacke wieder.«

»Nell hat den Jungen erwürgt, der sie gefunden hat.« Tobin zog die Jacke aus und schleuderte sie in eine Ecke des kleinen Zimmers.

Nell schloss die Augen und ließ ihre Wut wie eine Welle in sich brechen und auslaufen. »Kartoffeln, Eier und Speck?«, stellte sie erfreut fest, nachdem sie die Augen wieder geöffnet hatte. »Womit haben wir das verdient?«

Aidan lächelte sie an. Vielleicht war es die Vorfreude auf das Essen. Das Grübchen war wieder da. »Mit Tobins erstem Tag auf der neuen Stelle natürlich.«

Tobin schnaubte nur und verschwand im Badezimmer. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Aidan Nell an.

»So schlimm war es gar nicht«, beantwortete sie die unausgesprochene Frage. »Der Aufseher war zufrieden. Aber Tobin ist mit einem Kollegen aneinandergeraten und das hat ihn aufgebracht.«

Aidan öffnete die Backofenklappe, um mit einer Gabel in die Kartoffeln zu pieken. Nell rückte in die warme Luft, die in der kühlen Wohnung dampfte. »Und was meinte er damit, du hättest einen Jungen erwürgt?«

Sie angelte sich ein Stückchen Speck aus der Pfanne. »Natürlich habe ich ihn nicht erwürgt. Tobin ist einfach empfindlich. Dass der Typ die Jacke gefunden hat, glaubt auch nur er.«

Mit einem Schlag sprang die Badezimmertür wieder auf und Tobin stand nur mit einem Handtuch um die Hüften im Türrahmen. »Ich bin empfindlich?«, wiederholte er mit vor Zorn bebender Stimme. »Sag mir mal, was du bist. Wie kannst du nach allem, was passiert ist, jeden Tag diese verdammten Schrauben eindrehen und nur an die Bezahlung denken? Es war nur eine Jacke! Wen interessiert es, ob er friert oder wir?«

Nell sah ihn einen Moment lang an. »Ich versuche nur, mich hier zurechtzufinden. Ich denke an die Bezahlung, weil wir ohne das Geld die Wohnung verlieren und erfrieren oder verhungern. Und die Jacke«, fuhr sie fort, »hat er mir gestohlen.«

»Er hat sie gefunden«, widersprach Tobin wütend. So viel schwemmte in seinen Augen auf, dass Nell spürte, wie es an ihr sog, sie mitzureißen drohte. Verzweiflung, etikettierte sie es. So viel Trauer und Hilflosigkeit, dass es sich zu diesem gewaltigen Gefühl aufschichtete. Mit einem Wimpernschlag schob sie es von sich, lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Herd. »Er hat gelogen«, sagte sie, obwohl sie wusste, dass es Tobin überhaupt nicht um die Jacke ging. Seit sie hier gelandet waren, benahm er sich abweisend ihr gegenüber.

»Warum ziehst du dir nicht etwas über und wir essen erst mal«, schlug Aidan vor, indem er die Spiegeleier auf Tellern verteilte.

»Ich will nichts essen«, fauchte Tobin ihn an.

Nell spürte Aidans mühsam gezügelten Ärger, der sich düster in seinem Blick verdichtete. »Du wirst heute etwas essen. Ich lasse nicht zu, dass du dich zu Tode hungerst.«

»Ich frage mich, was du dagegen tun willst.« Tobin knallte die Tür wieder hinter sich zu. Kurz darauf hörten sie, wie die Dusche aufgedreht wurde.

Nell holte das Blech mit den Kartoffeln aus dem Ofen.

»Ich hatte gehofft, das würde besser laufen«, bemerkte Aidan bedrückt.

Mit einem Löffel schob sie die heißen Kartoffeln auf einen Teller. »Er braucht länger, sich einzugewöhnen«, stellte sie fest. Er war weniger getrieben gewesen als Aidan auf seiner Suche nach Freiheit. Vielleicht war er nur mitgelaufen und es traf ihn deshalb härter.

»Ich habe mich selbst noch nicht eingewöhnt.« Aidan nahm seinen Teller entgegen und setzte sich an den Tisch. »Hast du dich eingewöhnt – so schnell?«

Sie warf ihm einen schrägen Blick zu. »Das ist nicht mein erster Neuanfang«, erinnerte sie ihn, wobei sie sich zu ihm setzte. Heißhungrig schob sie sich gabelweise Kartoffeln und Speck in den Mund und merkte erst nach mehreren Minuten, dass Aidan sie nachdenklich beobachtete. Fragend zog die die Augenbrauen hoch.

Aidan seufzte. »Weißt du, vielleicht will ich mich gar nicht eingewöhnen.«

Sie piekte ein weiteres Stück Kartoffel auf. »Wie meinst du das?«

»Bisher haben wir nicht mal versucht, einen Weg zurück zu finden«, erklärte Aidan gedämpft – vielleicht aus Gewohnheit. Dabei interessierte es hier niemanden, worüber sie sprachen. »Aber das heißt nicht, dass ich keine Hoffnung habe.«

Seine dunkelblauen Augen fixierten sie weiter – die Farbe des Nebelsees an wolkenlosen Spätsommertagen. Die Erinnerung schwappte so plötzlich in ihr Bewusstsein, dass es einen Moment dauerte, bis es ihr gelang, sie niederzudrücken. Sie wusste, was sie sich geschworen hatte: dass sie sich erinnern wollte. Dass sie nicht vergessen würde, dass die perfekte Welt, in der sie aufgewachsen war, eine Illusion war. Aber mit den Erinnerungen kam auch der Schmerz. Vielleicht sollte sie doch wieder mit dem Meditieren beginnen.

Aidans Hand lag plötzlich auf ihrem Arm. Sie spürte seine Wärme durch den dünnen Stoff des Overalls. »Wir haben schon einmal einen Weg nach draußen gefunden, von dem niemand glaubte, dass es ihn gibt.«

»Ja«, entgegnete sie knapp, wobei sie versuchte, sich auf ihr Essen zu konzentrieren, »und jetzt sind wir hier. War das dein Plan?«

»Nein«, gab er zu. »Ich wollte meiner Familie helfen. Sie verlassen sich auf mich. Du weißt, dass ich nicht einfach hier sitzen und aufgeben kann. Oder?«, hakte er nach, als sie nichts darauf erwiderte.

Widerwillig begegnete Nell erneut seinem Blick. »Ich weiß, dass du an den Vulkan denkst, an die Patrouillen und an die Menschen, die du zurückgelassen hast.«

Er blinzelte. »An die Winter im Getto und ob sie diesen gut überstehen«, ergänzte er. »An das Leuchten der Nebel und das Funkeln der Morgensonne in den Wassertropfen im Gras.«

Sie nickte. »Aber ich«, sagte sie, »ich denke daran, welchen Preis wir gezahlt haben.« Sie hob die Schultern. »Seit dem Moment, in dem sie Julianne ausweisen wollten und mich für sie hielten, gehöre ich nirgendwo mehr hin. Vielleicht ist es an der Zeit, mich damit abzufinden.«

Aidan umfasste nun mit Nachdruck ihre Hand. Es fühlte sich an wie Schockwellen, die seine Berührung durch ihren Körper sandte. Irritiert sah Nell ihn an. Früher hatte sie ihren Körper so problemlos unter Kontrolle gehabt wie ihre Gedanken. Das Leben im Getto hatte sie jedoch verändert. Es war, als habe ihr Körper sich von ihr losgelöst und sehne sich ganz unabhängig von ihr nach der Wärme und Zuneigung anderer Menschen. »Du gehörst zu uns, Nell. Wir gehören zusammen.«

Sie erwiderte nichts darauf. Aidan würde nie aufhören, sich diese Dinge vorzumachen. Es waren die Geschichten, ohne die sein Kopf die Welt nicht verstand. Und Nell hatte versucht, sich darauf einzulassen. Doch alles, was ihr blieb, war der bittere Schmerz der Enttäuschung.

»Du solltest Tobin aus der Dusche holen«, forderte sie Aidan auf. »Keiner von uns kann die Stromrechnung bezahlen, die er gerade verursacht.«

Mit einem Kopfschütteln stand Aidan auf. »Diese Welt ist noch verrückter als unsere«, brummte er. »Hier gibt es alles, aber keiner kann es sich leisten. Man ist abgeschnitten davon – auch ohne Mauer.«

Nell hatte ihren Teller bereits leer gegessen, als Tobin endlich anfing, in seinen mittlerweile kalten Kartoffeln zu stochern. Ihr schmerzender Körper sehnte sich nach Ruhe, aber sie harrte am Tisch aus.

»Hester hat sich übrigens gemeldet«, informierte Aidan sie – sichtlich um einen entspannten Ton bemüht. »Er will sich mit uns treffen. Vielleicht hat er bessere Jobs für uns. Er hatte versprochen, sich umzuhören.«

Nach ihrer Ankunft hatte die Regierung ihnen die Wohnung zugewiesen, für den ersten Monat die Miete übernommen und ihnen eine kleine Geldsumme überlassen. Hester war der Einzige, der danach noch Interesse an ihnen gezeigt hatte. Vielleicht tat es ihm leid, dass seine Botschaft sie zunächst abgewiesen hatte, als sie auf ihrer Flucht im System dort Schutz gesucht hatten. Noch immer konnte Nell sich an sein offenes, breites Lächeln erinnern, während er sie zum Botschafter geführt hatte. Obwohl es kaum mehr als drei Monate her war, kam es ihr vor wie eine Ewigkeit. Seit sie im Westen waren, bestand ihr Leben aus den Zugfahrten zur Arbeit, dem Supermarkt an der Ecke und ihrem Schlafplatz – ein Leben im Dreieck. Die Gefangenschaft spürten sie deutlicher als jemals zuvor.

»Falls er das vergessen hat, kann Nell ihn daran erinnern«, schlug Tobin vor, ohne sie anzusehen. »Sie kann ziemlich überzeugend sein.«

Sie lehnte sich über den Tisch, um seinen Blick aufzufangen. »Was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen? Die Leute hier helfen sich nicht gegenseitig, wie du es gewohnt bist. Du musst dich verteidigen, sonst werden sie dir nicht nur deine Jacke wegnehmen.« Es war nur einige Tage her, dass sie wenige Meter von ihrer Haustür entfernt über einen Toten gestolpert war. Man hatte nicht nur den Inhalt seiner Taschen mitgenommen, sondern gleich den Großteil seiner Kleidung. »Jeder sorgt hier für sich selber.«

»Nenn mich empfindlich«, gab Tobin bissig zurück, »aber ich finde, dass man nicht so miteinander umgehen sollte.«

»Und das findet Nell auch«, mischte Aidan sich ein, ehe sie etwas erwidern konnte. »Denn wenn ich recht gesehen habe, warst du derjenige, der die Jacke getragen hat, als ihr hier ankamt – nicht sie.«

Tobin presste die Lippen zusammen und starrte auf seinen Teller. Langsam schüttelte er den Kopf. »Ich kann das nicht.« Seine Gabel klirrte auf den Teller.

Würde sie es zulassen, überlegte Nell, würde sie vielleicht die gleiche Einsamkeit und Fremdheit spüren wie er. Dabei fragte sie sich, ob dieser Neuanfang sich wirklich so stark von ihrem ersten Winter im Getto unterschied.

»Du musst irgendwie zurechtkommen«, sagte Aidan bestimmt. »Das müssen wir alle.«

Tobins Stuhl fiel mit einem metallischen Klingen zu Boden, als er unvermittelt aufsprang. »Wie könnt ihr einfach so klarkommen?«, fuhr er sie an. »Ihr habt Luk doch auch verloren.« Er schluckte und sah Nell an. »Du hast Jake verloren.« Tobin schlug mit der Hand auf den Tisch. »Wie kannst du das einfach so vergessen?« Nur Augenblicke später knallte die Schlafzimmertür hinter ihm zu. Sein Essen hatte er kaum angerührt. Wortlos teilte Nell es zwischen sich und Aidan auf.

Aidan fing ihre Hand mitten in der Bewegung. »Er meint es nicht so.«

Natürlich versuchte er, sie zu trösten, obwohl es ihn wahrscheinlich mehr verletzt hatte als sie selbst.

»Es ist mir egal«, erklärte sie ihm. »Wenn er mich hassen will, soll er das tun. Niemand zwingt ihn, mit mir zusammenzuwohnen.«

Aidan rückte mit seinem Stuhl dichter an ihren heran und ergriff auch noch ihre andere Hand. »Warum gibst du nicht zu, dass Jake dir wehgetan hat?« Nell versuchte, ihm ihre Hände zu entziehen, aber er hielt sie fest. »Das würde es auch für Tobin einfacher machen.«

»Er hat mir wehgetan«, entgegnete Nell scharf. »Er konnte mir wehtun, weil ich mich nicht an das gehalten habe, von dem ich wusste, dass es klug war. Ich habe mich in eure Geschichten hineinziehen lassen und gefühlt, was eure Geschichten erzählen. Das wird mir nicht noch mal passieren.«

»Nell.« Der Kummer in seinen Augen drang nicht zu ihr durch. Wenn sie langsam und kontrolliert atmete, konnte er sie nicht erreichen. »Ich brauche dich. Verstehst du das nicht?« Er hielt ihre Hände umklammert. Die leichte Bräune in seinem Gesicht war verblasst. Auch Aidan hatte zu lange die Sonne nicht gesehen. »Wenn du da bist, kann ich glauben, dass wir meiner Familie noch immer helfen können. Versprich mir, dass du bei mir bleibst.«

Die Gefühle, die ihr von ihm entgegenschwemmten, erstickten sie fast. Nell hatte nicht vor, ihn zu verlassen. Sie wollte selbst nicht ohne ihn sein – ohne jemanden, der Spiegeleier und Speck in der Pfanne briet, wenn sie nach Hause kam, und der nachts auf der schmalen Matratze neben ihr atmete. Aidan und Tobin – natürlich würde sie keinen von beiden allein lassen. Aber es zuzugeben, bedeutete, sich einzugestehen, dass sie ihre Empfindungen viel weniger im Griff hatte, als sie glauben wollte. Und diese Erkenntnis würde Jake alle Türen ins Zentrum ihrer Erinnerung öffnen.

Die vernünftige Lösung, dachte Nell, die vernünftige Lösung ist, ihm die Kraft zu geben zu funktionieren. Das konnte sie mit ihrem Kopf tun. Ihr Herz brauchte sie dazu nicht.

Weil er ihre Hände festhielt, lehnte sie sich vor und berührte mit ihren Lippen kurz seine Wange. Das war seine Sprache, die sie im Getto gelernt hatte. »Ich bin da«, sagte sie leise. »Solange du mich brauchst, bin ich da.« Er schlang seine Arme um sie und sie roch die Seife auf seiner Haut, die sie selbst zum Duschen benutzte. Aber darunter, ganz schwach, atmete sie den Duft von in der Sonne getrocknetem Holz ein – sein vertrauter Geruch, den er irgendwie aus dem Getto mitgebracht hatte. Kurz schloss sie die Augen. Sie spürte sein Herz gegen ihren Brustkorb pochen. Ihr eigenes fühlte sie nicht.

Kapitel 2

Hester zog es vor, sie in eine Bar nahe dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten einzuladen, und schickte einen Wagen. In der dunklen Seitenstraße blieb das geräumige, glänzend schwarze Fahrzeug nicht lange unbemerkt. Die beiden ganz in Dunkelblau gekleideten Fahrer mit Sicherheitswesten und Schiebermützen standen mit gezogenen Handfeuerwaffen in den offenen Türen, bis Nell, Aidan und Tobin aus dem Haus kamen. Mit einer ungeduldigen Kopfbewegung trieb der Co-Pilot sie zur Eile an.

Kaum hatten sie in den ausladenden Sesseln Platz genommen, senkten sich Haltebügel über ihre Oberkörper herab. Die Fahrer stiegen ein und das Fahrzeug glitt lautlos vorwärts. Nell wurde in das weiche Lederimitat gedrückt.

Der Wagen schwenkte schlagartig herum und bog auf die Hauptstraße ein, um gleich darauf im dichten Verkehr zum Stillstand zu kommen. Er war deutlich größer und komfortabler als die E-Mobile, mit denen sie in der Nord-Union gefahren waren. Die Sessel schienen sich Nells Rückenlinie genau anzupassen und ließen sich bis in Liegeposition zurückfahren. Ein Wasserspender befand sich in der Armatur neben ihr. Der Wagen verbreitete auch keinen Lärm und Gestank wie die verrosteten Fahrzeuge aus ihrer Wohngegend. Die Fenster – nicht mehr als horizontale Sichtöffnungen – waren dunkel verglast.

Einige Blocks weiter bemerkte Nell, dass die Straßen breiter und die Abstände zwischen den Hauseingängen größer wurden. Der Müll und die verbarrikadierten Fenster verschwanden und hier und da tauchten sogar ein paar kleine Bepflanzungen auf. Dann rauschten sie an einer Kirche vorbei. Nell erkannte das Gebäude sofort – den hohen Turm, die ausladenden Torbögen, die bunten schlanken Fenster, umgeben von einem kopfsteingepflasterten Platz, der an das Rondell im Getto erinnerte. Wozu Kirchen gebraucht wurden, hatte sie noch nicht verstanden. Wahrscheinlich könnte sie es herausfinden. Es gab mehr Informationen in den Freien Staaten, als jemals zwischen Buchdeckel passen würden. Sie brauchte nur einen Computer und alles läge vor ihr. Das hatte Hester ihr mit aufgeregt glänzenden Augen erzählt, als er sie an den ersten Tagen nach ihrer Landung durch die Stadt führte. Aber dann war ihnen die Wohnung im Sumpf zugewiesen worden, und es war nicht daran zu denken, genügend Geld für einen Computer zusammenzubekommen.

Urplötzlich wurden sie von den bunten, pulsierenden Lichtern des Stadtzentrums überschwemmt, als der Wagen auf eine mehrspurige Straße einbog. Sofort floss der Verkehr ruhiger. Die brummenden Karren aus dem Sumpf verirrten sich nicht hierher. In makellosem Glanz glitten die Fahrzeuge zügig und mit einprogrammiertem Abstand nebeneinanderher. Die breiten Gehsteige waren voller Menschen, die gemächlich an den grell erleuchteten Schaufenstern vorbeischlenderten und pralle Einkaufstüten schwenkten. Hier lief niemand ohne Mütze, Schal und warmer Jacke. Wahrscheinlich hielten sich die Menschen genau aus diesem Grund nur in den Stadtteilen auf, in denen gut bewaffnete Security für Sicherheit sorgte.

Gläserne Paläste mit riesigen bewegten Werbetafeln bauten sich um sie herum auf, auf denen Szenen aus Vergnügungsshows gezeigt wurden oder der Multitask Intel – der Hausroboter der neuesten Generation – Gäste an der Tür begrüßte und ihnen Getränke servierte.

Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten lag zwei Parallelstraßen weiter in einem hoch aufgeschossenen Sandsteingebäude mit Säulen vor den Eingängen. Auch hier verlief der Verkehr in mehreren Spuren. Zahlreiche Bars und Restaurants befanden sich in den Nebenstraßen. Der Co-Pilot stieg mit ihnen aus, schob seine Waffe in ein Holster an seiner Hüfte und führte sie zielstrebig auf einen der Eingänge zu. Der Wagen tauchte gleich hinter ihnen in eine Tiefgarage ab.

Eine Tür vor ihnen surrte seitwärts und der Co-Pilot zog einen Samtvorhang für sie auf. Der mit dicken Teppichen ausgelegte Raum wirkte im ersten Moment klein und gemütlich. Die Sitzgruppen waren geschickt durch halbhohe kunstvoll geflochtene Holzrahmen voneinander abgegrenzt. Zahlreiche Pflanzen boten zusätzlichen Sichtschutz. Die leise geführten Gespräche – von sanften Melodien aus versteckten Lautsprechern untermalt – schienen in den dicken Teppichen zu versinken. Erst als Nell neugierig zwischen den Zweigen zweier am Eingang platzierter Bambussträucher hindurchspähte, erkannte sie, dass der Raum deutlich größer war, als der erste Eindruck vermuten ließ. Ein Kellner in schwarz-weißer Garderobe eilte auf sie zu. Er war groß und dünn, sein Gesicht zu lang, die Nase zu spitz, die Ohren standen ab. Obwohl Nells Bauplan im Gegensatz zu seinem keine Fehler aufwies, erwiderte er ihren Blick mindestens ebenso kritisch.

Rasch trat der Co-Pilot vor. »Das sind die Gäste von Herrn Molin.«

Die Augenbrauen des Kellners hoben sich in sichtlichem Erstaunen. »Sehr wohl«, sagte er jedoch. »Wenn die Herrschaften mir bitte folgen würden. Herr Molin erwartet Sie bereits.« Wie fast alle im Westen war er schwer zu verstehen. Er benutzte die gleichen Worte wie sie, doch es schienen nur Vokale aus seinem Mund zu kommen.

Der Teppich schluckte ihre Schritte, aber Hester sah sie auf sich zukommen und erhob sich von seinem Tisch, um sie mit überschwänglichem Händeschütteln und Umarmungen zu begrüßen. »Setzt euch. Was wollt ihr trinken?«

»Wasser«, antwortete Nell. Bänke mit dunkelroter Polsterung umliefen den glänzenden Holztisch. Sie rutschte durch, ließ die schmuddelige Jacke von ihren Schultern gleiten und wickelte ihren Schal ab. Der Kellner beobachtete sie, schien einen Augenblick versucht, ihr das Kleidungsstück abzunehmen. Offensichtlich schreckte ihn der desolate Zustand jedoch derart ab, dass er sich nur mit einem fragenden Blick an Hester wandte.

»Bringen Sie drei Bier und ein Wasser«, trug Hester ihm auf, ehe er sein breites Grinsen auf Nell, Aidan und Tobin richtete. Seiner jungenhaften Fröhlichkeit wurde durch das perlgraue seriöse Sakko, das er trug, ein wenig die Strahlkraft genommen. Im gedimmten Licht lag ein rötlicher Schimmer auf seinen blonden Haaren.

»Wie geht es euch?«, wollte er wissen.

Die Frage kam Nell genauso verfehlt vor wie ihre Anwesenheit in diesem Restaurant.

Aidan räusperte sich nach einem Moment. »Um ehrlich zu sein, sind wir ziemlich müde. Nell und Tobin haben heute bereits zwölf Stunden gearbeitet. Ich muss auch bald wieder nach Hause, weil ich die Nachtschicht habe.«

Hester seufzte und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Ich weiß, ihr habt es nicht leicht. Ihr müsst euch erst mal daran gewöhnen, wie die Dinge hier laufen.«

»Nell hat sich schon ziemlich gut daran gewöhnt«, bemerkte Tobin in sarkastischem Ton, der Hester irritiert die Augenbrauen heben ließ.

Nell warf Tobin einen kurzen Blick zu, doch er saß mit angespannten Schultern da, als sei ihm kalt, und beachtete sie nicht weiter. »Ehrlich gesagt, wundere ich mich schon«, widersprach sie. »Ich bin in der Nord-Union hervorragend ausgebildet worden. Ich könnte in allen möglichen Bereichen hochkomplexe und anspruchsvolle Aufgaben übernehmen, aber ihr lasst mich Schrauben eindrehen.«

Hester griff nach einer Gebäckstange, die wie in einer Vase mitten auf dem Tisch stand und biss hinein. Hungrig folgten Nell und Aidan seinem Beispiel. Sie schmeckte nach nichts, aber sie füllte den Magen.

»Das ist bei uns nicht so einfach«, versuchte Hester zu erklären. »Meine Regierung kann euch nicht einfach irgendwo einsetzen, wie das in der Union gemacht wird.«

Nell musterte ihn einen Moment. »Wie hast du dann deinen Job bekommen?«

Er hob die Schultern. »Ich bin zur Schule gegangen, habe Kontakte geknüpft, mich bewiesen. Ich musste Stationen auf allen vier Kontinenten durchlaufen, wie ihr ja wisst. Und jetzt bin ich Assistent im Diplomatischen Dienst des Ministeriums.«

»Können wir nicht zur Schule gehen?«, schlug Aidan vor. »Vielleicht können wir uns dadurch für andere Arbeiten qualifizieren.«

»Das Problem ist, dass Schulen Geld kosten«, erklärte Hester. »Die meisten haben zudem eine Altersgrenze, die ihr schon überschritten haben dürftet.«

Er schien zu spüren, wie wenig begeistert sie von ihrer Situation waren. »Sucht euch doch erst mal etwas zu essen aus«, schlug er betont fröhlich vor. »Ihr seid natürlich eingeladen.« Er wischte über eine Schaltfläche in der Tischplatte und vor ihnen flammten helle Displays auf, die eben noch die Maserung der Holztischplatte imitiert hatten. Die zur Wahl stehenden Gerichte wurden in aufwändig bebilderten Beschreibungen angepriesen. Frisch, aromatisch, fein abgestimmt, knusprig, las Nell, während sie die Speisen überflog. Die auf sie eindringenden Adjektive verrieten sofort, wie man sie zu manipulieren versuchte, damit sie Appetit bekam und mehr bestellte als nötig. Unauffällig beobachtete sie Aidan und Tobin. Beide waren im Getto zur Schule gegangen und hatten lesen gelernt. Dass Aidan es flüssig konnte, wusste sie, weil sie gemeinsam Stellenanzeigen studiert hatten. Tobin aber setzte geschriebene Worte nur stockend zusammen. Im Getto boten sich kaum Gelegenheiten zum Lesen, aber Aidan hatte eine Weile mit einer der Lehrerinnen an einem Ordnungssystem für die kleine Schulbibliothek im Lager der Jäger gearbeitet – zumindest bis er immer mehr Aufgaben seines Vaters als Clanführer übernehmen musste und keine Zeit mehr dazu fand. Darüber hatten sie sich unterhalten, als Nell aufgefallen war, wie flüssig er las.

»Also, was wollt ihr essen?«, wollte Hester wissen.

»Mir egal«, meinte Tobin sofort und lehnte sich in der Bank zurück.

»Irgendetwas, das möglichst schnell geht«, sagte Aidan nachdenklich. »Ich muss, wie gesagt, bald zur Arbeit.«

»Ihr seid schwieriger an einen Tisch zu bekommen als unsere Minister, wisst ihr das? Und wir haben zwölf, nicht nur drei.« Hester lachte gutmütig, aber Nell beobachtete Aidans hilflosen Blick ins Menü.

»Ich wurde gerade erst zum Gabelstaplerfahrer befördert«, versuchte er Hester zu erklären. »Ich darf nicht zu spät kommen.«

Beim Lachen warf Hester den Kopf zurück und merkte nicht sofort, dass sie ihn nur fragend ansahen.

»Aidan darf den Job wirklich nicht verlieren«, erklärte Nell ihm schließlich, »sonst kriegen wir unsere Miete nicht zusammen.«

Hester wirkte schuldbewusst, warf dem Kellner, der die bestellten Getränke brachte, nur einen kurzen Blick zu. »Ich verspreche, ich sorge dafür, dass es nicht dazu kommt.«

Kennt er seine Welt überhaupt?, fragte sich Nell unwillkürlich. Sie beobachtete ihn, wie er über das Display im Tisch ihr Essen bestellte. Tobin griff nach dem hohen schlanken Glas, in dem das golden schimmernde Bier serviert worden war. Nach mehreren durstigen Schlucken verzog er angewidert das Gesicht. Nell war froh, nur Wasser bestellt zu haben, und goss es aus der zierlichen Glasflasche in ihr Glas. Es sprudelte und schmeckte nach Zitrone – nicht nach Chlor wie in ihrer Wohnung.

»Also hört zu«, begann Hester wieder. »Bevor die Nord-Union das Getto gegründet hat, haben sie einige Male Untreue oder Unerwünschte in andere Staaten abgeschoben. Aber das ist schon lange her.«

Nell hob den Kopf. »Woher weißt du das dann?« Dass es eine Zeit vor dem Getto und sogar vor dem System gegeben hatte, war noch immer eine nebulöse Erkenntnis für sie, deren Bedeutung und Konsequenzen sie noch nicht vollständig begriffen hatte.

Hester sah sie an. »Wir haben einige Politik- und Geschichtswissenschaftler bei uns im Ministerium, die analysiert haben, wie man damals vorgegangen ist. Einiges kannst du aber auch im InFlow nachlesen.«

InFlow war das Informationsnetzwerk, von dem Hester ihr bereits vorgeschwärmt hatte. »Dazu bräuchte ich einen Computer«, wandte Nell ein.

»Und Zeit«, ergänzte Tobin.

Hester nickte zustimmend. »Das ist richtig. Wir haben entschieden, euch mit einer Wohnung und einem Startkapital auszuhelfen – so, wie sie es damals gemacht haben. Ich sehe ein, warum ihr unzufrieden damit seid. Aber so funktioniert das hier.«

Hester trank langsam einige Schlucke aus seinem Glas. Auch Tobin hatte seins bereits zur Hälfte geleert, stellte Nell fest. Zum ersten Mal seit Wochen kehrte ein wenig Farbe in seine Wangen zurück.

»Ich werde meine Regierung nicht beeinflussen können, euch andere Hilfen als diese zur Verfügung zu stellen«, meinte Hester nach einem Moment. »Das ist einfach nicht vorgesehen.« Er schwieg, während der Kellner an ihren Tisch trat, um Geschirr und Besteck aufzudecken.

»Um eure Situation zu verbessern«, fuhr Hester anschließend fort, »können euch nur bessere Jobs helfen, denke ich.«

Nell fragte sich, wozu die Freien Staaten zwölf Ministerien brauchten, wenn sich niemand um die Bürger kümmerte. Sie sagte jedoch nichts, denn sie wusste, dass Hester ihnen nichts schuldete.

Aidans Ungeduld spürte sie dafür umso deutlicher.

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